Psychoanalytische Psychotherapie in Deutschland

Die (eigentümliche) Lage der Psychoanalyse in Deutschland

Wer heute in Deutschland eine Psychoanalyse beginnen möchte, braucht ein Formular. Genauer: mehrere. PTV1, PTV2, PTV3 — amtliche Dokumente, in denen der Therapeut die psychische Erkrankung des Patienten beschreibt, die Behandlungsindikation begründet, die Prognose abschätzt. Diese Unterlagen gehen an einen externen Gutachter — ein approbierter Psychotherapeut, dem die Kasse den Auftrag erteilt hat, die Begründung zu prüfen. Der Gutachter liest. Dann bewilligt die Kasse: 80 Stunden, 160 Stunden, in manchen Fällen 300 Stunden analytischer Behandlung, bezahlt aus Beitragsgeldern.

Das klingt wie Verwaltung. Es ist, wenn man einen Moment innehält, etwas Erstaunlicheres: Der deutsche Sozialstaat finanziert die Erforschung des Unbewussten. Er hat sich, über ein ausgeklügeltes bürokratisches Verfahren, dazu verpflichtet, dafür einzustehen, dass Menschen Zeit und Raum bekommen, um mit einem Analytiker jene Schichten ihrer Psyche zu erkunden, die sich dem direkten Zugriff entziehen — die Übertragungen, die Wiederholungen, die verdeckten Konflikte, die sich in Symptomen ausdrücken, ohne sich darin zu erschöpfen.

Deutschland ist damit ein welthistorisches Kuriosum. In kaum einem anderen Land gilt klassische Psychoanalyse als reguläre Kassenleistung; anderswo findet sie statt, aber teuer, selektiv, jenseits des öffentlichen Versorgungssystems. Hier gehört sie dazu. Hat Formular und Abrechnungsziffer.

Und gleichzeitig — das ist die Spannung, von der dieser Text handelt — ist dieselbe Psychoanalyse aus den Universitäten nahezu verschwunden. Von 61 Lehrstühlen für Klinische Psychologie ist heute genau einer nicht verhaltenstherapeutisch ausgerichtet (DGPT, 2020). Die meisten Psychologiestudierenden begegnen der Psychoanalyse, wenn überhaupt, als Kapitel in der Theoriegeschichte — als etwas, das einmal war, das man erwähnt wie Phlogiston oder Mesmerismus, bevor man zur eigentlichen Wissenschaft kommt. Die Goethe-Universität Frankfurt — über Jahrzehnte eines der wichtigsten intellektuellen Zentren der deutschsprachigen Psychoanalyse — entschied 2022, nach der Emeritierung von Tilmann Habermas keine Nachfolge im Fach auszuschreiben. Die Reform des Psychotherapeutengesetzes verpflichtet die Universitäten nun, alle Richtlinienverfahren zu vermitteln — also auch psychoanalytische. Eine schöne Geste. Nur: Die, die das jetzt lehren sollen, sind oft dieselben, die ihren Studierenden jahrelang erklärt haben, Psychoanalyse sei überholt. Man fragt sich, was von einer Pflichtveranstaltung zu erwarten ist, die von jemandem gehalten wird, dem man das Fach gegen seine eigene Überzeugung zugewiesen hat.

Kanonisiert im Versorgungssystem. Marginalisiert in der Wissenschaft. Das ist mehr als ein institutionelles Paradox — es ist eine Konstellation, in der, wenn man genauer hinsieht, mehr auf dem Spiel steht als die Karriereaussichten von Psychoanalyse-Professoren.

Psychoanalytische Psychotherapie in Deutschland
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Das Berliner Versprechen

Die Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland beginnt mit einem politischen Programm, und das ist wichtig für alles, was folgt.

1920 eröffnete Max Eitingon in Berlin das erste psychoanalytische Institut mit einer angeschlossenen Poliklinik — und die Poliklinik war keine Konzession, keine Randnotiz, kein Sozialanhängsel. Sie war der Kern. Die Gründungsidee war: Die Psychoanalyse darf kein Privileg der Wohlhabenden bleiben. Wer nicht zahlen konnte, wurde behandelt — auf Spendenbasis, zu reduzierten Sätzen, in einem Land ohne Krankenversicherung für psychische Leiden. Das war, 1920, radikal.

Dahinter stand eine Überzeugung, die man heute als naiv belächeln könnte, die aber eine eigene Schwerkraft hat: dass das Unbewusste eine demokratische Angelegenheit ist. Nicht nur jene, die sich teures Coaching leisten können, tragen Geschichte in ihrem Körper, wiederholen, was sie nicht erinnern, lieben und hassen, ohne recht zu wissen warum. Das gilt für alle. Und wenn Psychoanalyse dabei helfen kann, diese Dynamiken bewusst zu machen — wenn also psychisches Wissen emanzipatorisches Potenzial hat —, dann darf es nicht Klassenprivileg bleiben.

Das Berliner Institut wurde zum Standard. Das Ausbildungsprogramm, das hier entwickelt wurde — Lehranalyse, Theorieseminare, klinische Supervision: ein Dreiklang, der seither weltweit gilt —, entstand hier als erstes. Analytiker aus Europa und Amerika kamen, um zu lernen. Die Stadt war, in diesen kurzen Jahren vor 1933, nicht nur kulturelle Welthauptstadt, sondern auch das Laboratorium einer jungen Wissenschaft, die nicht sicher war, welche Wissenschaft sie überhaupt ist, die aber wusste, dass sie etwas berührt, das zählt.

Diese Gründungsatmosphäre — des Versprechens, der politischen Energie, der Überzeugung, dass Wissen über das Unbewusste nicht nur klinisch, sondern gesellschaftlich bedeutsam ist — grundiert die gesamte spätere Geschichte. Wer verstehen will, warum die Disziplin mit solcher Hartnäckigkeit verteidigt wird, auch wenn die akademischen Argumente schwierig sind und die institutionellen Kämpfe zermürbend, muss hierher zurückkehren. Es ist nicht bloßer Standeskorporatismus. Es ist die Ahnung, dass an diesem Wissen tatsächlich etwas liegt.


Die genaue Lektüre von 1933

Am 10. Mai 1933 wurden Freuds Bücher auf dem Berliner Opernplatz verbrannt. Man hat das oft als barbarischen Reflex beschrieben — die Intellektuellenfeindlichkeit des frühen Nationalsozialismus, die in einem Autodafé kulminiert. Aber es war etwas Präziseres.

Das NS-Regime hatte, in einer gewissen Hinsicht, die Psychoanalyse sehr gut gelesen.

Eine Wissenschaft, die zeigt, dass Menschen von Kräften bewegt werden, die sie nicht kennen und nicht kontrollieren — das widerspricht dem Bild des willensstarken, selbstbestimmten, rassisch definierten Subjekts, das die nationalsozialistische Ideologie brauchte. Eine Disziplin, die deutlich macht, dass Überzeugungen, Loyalitäten und Feindbilder oft Rationalisierungen tieferer Strebungen sind — das ist Ideologiekritik avant la lettre, ein Instrument, das jede kollektive Verblendung in Frage stellt, auch die eigene. Psychoanalyse war — in einem strukturellen Sinne — gefährlich, bevor sie sich selbst als politisch verstand.

Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft wurde gezwungen, ihre jüdischen Mitglieder auszuschließen. Der verbliebene Rest integrierte sich 1936 in das Deutsche Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie — geleitet von Matthias Heinrich Göring, Vetter Hermann Görings, NSDAP-Mitglied. Was dort betrieben wurde, nannte sich „Tiefenpsychologie“ und sollte das Freudsche Erbe sanitisieren: die Methode behalten, den Kern tilgen. Das Unbewusste ja, aber eines ohne Triebe, ohne Sexualität, ohne die politische Sprengkraft der Wiederkehr des Verdrängten. 1938 wurde die DPG aufgelöst. Freud emigrierte nach London, wo er 1939 starb.

Was Deutschland verließ, war nicht nur eine Gruppe von Fachleuten. Es war eine intellektuelle Tradition mit einem bestimmten Temperament: das Interesse an der Selbsttäuschung, an den Kosten der Verdrängung, an dem, was sich ausdrückt, weil es nicht direkt ausgedrückt werden kann. Diese Tradition zerstreute sich in alle Welt — in die angelsächsischen Länder, nach Südamerika, ins US-amerikanische Exil der Frankfurter Schule. Sie wurde dadurch produktiv, auf eine tragische Art. Aber der Ursprungsort verlor sie.


Alexander Mitscherlich und die Rückkehr als Diagnose

Wie kehrt man zurück in ein Land, das die eigene Wissenschaft vertrieben hat? Man kehrt zurück als Diagnostiker.

Alexander Mitscherlich gründete 1949 die erste psychosomatische Klinik in Heidelberg und 1960 das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt. Aber sein wichtigster Beitrag war kein institutioneller. Er schrieb 1967, gemeinsam mit Margarete Mitscherlich, ein Buch, das die Bundesrepublik traf wie eine klinische Diagnose: Die Unfähigkeit zu trauern.

Die These war simpel in ihrer Form und tief in ihren Implikationen. Die Deutschen hatten die NS-Verbrechen nicht verarbeitet, weil sie sie nicht betrauert hatten — und sie konnten nicht trauern, weil Trauern eine Identifikation mit dem Verlorenen voraussetzt, und das Verlorene hier die Bindung an Hitler selbst war. Diese Bindung war narzisstischer Art: Hitler hatte für viele die Funktion eines Ichs übernommen, hatte Größe versprochen und Gemeinschaft. Sein Sturz war daher keine Befreiung, sondern eine narzistische Kränkung. Um dieser Kränkung zu entgehen, hatte die Gesellschaft kollektiv abgewehrt: durch Rationalisierung, durch Tätigkeitsdrang, durch das Wirtschaftswunder als emotionale Überflutungsstrategie. Die Deutschen arbeiteten sich in den Wiederaufbau, weil die Alternative — wirklich zu fühlen, was geschehen war — psychisch unerträglich schien (Mitscherlich & Mitscherlich, 1967).

Das Buch war nicht populär in dem Sinne, dass es freudig aufgenommen wurde. Es war populär in dem Sinne, dass es nicht zu ignorieren war. Es demonstrierte etwas Grundlegendes über die Möglichkeiten psychoanalytischen Denkens: dass es nicht an der Therapiecouch endet. Dass Begriffe wie Verdrängung, Abwehr, narzistische Kränkung, Trauer Instrumente der Gesellschaftsanalyse sein können, nicht nur der Einzelfallarbeit.

Diese Verbindung — Psychoanalyse als Gesellschaftsdiagnose — ist seither ein Markenzeichen der deutschen Tradition. Es ist kein Zufall, dass das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt entstand, in unmittelbarer Nähe zum Institut für Sozialforschung, aus dem die Kritische Theorie hervorging. Adorno, Horkheimer, Marcuse hatten an einer Verbindung von Gesellschaftstheorie und Psychoanalyse gearbeitet: die Frage, wie gesellschaftliche Herrschaft sich in die Psyche einschreibt, wie das Individuum lernt, seine eigene Unterdrückung zu wollen. Diese Fragestellung verbindet sich in Frankfurt mit einer klinischen Praxis. Das war, für einige Jahrzehnte, ein ungewöhnlich fruchtbares Milieu.

Institutionell konstituierten sich nach 1945 zwei Gesellschaften neu: die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV, 1950) als Zweig der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, und die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG), die stärker aus dem in Deutschland verbliebenen Kreis hervorging. Die Spannungen zwischen ihnen — über die Frage der Kontinuität und der Mitschuld — waren real und zogen sich über Jahrzehnte hin. 1967 wurde die DGPT als Dachverband gegründet. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts brachte die Öffnung für internationale Entwicklungen: Kohuts Selbstpsychologie, Kernbergs Objektbeziehungstheorie, die britische Schule — Winnicott, Klein, Bion —, intersubjektive und relationale Ansätze. Heute gibt es keine monolithische Freud-Schule mehr, sondern eine Landschaft theoretischer Positionen, die sich im Dialog und manchmal im Streit weiterentwickelt.


Karl Popper hatte recht. Und es spielt keine Rolle.

Irgendwann in den 1950er-Jahren begann die Psychoanalyse, sich für ihre Wissenschaftlichkeit rechtfertigen zu müssen. Die Instanz, vor der sie sich rechtfertigte, war im Wesentlichen eine: Karl Popper.

Poppers Vorwurf ist bekannt. Eine Theorie, die nicht falsifizierbar ist — der keine Beobachtung widersprechen kann, weil sie jede Beobachtung zu integrieren vermag —, ist keine Wissenschaft. Psychoanalytische Interpretationen sind so konstruiert, dass sie immer passen. Der Patient widerspricht einer Deutung? Er widersteht. Er stimmt zu? Er akzeptiert die Wahrheit. Er ist gleichgültig? Er hat abgespalten. Welches Verhalten auch immer eintritt: Es bestätigt die Theorie. Das sei, so Popper, das Kennzeichen einer Pseudowissenschaft (Popper, 1963).

Man muss Popper seinen Respekt nicht verweigern, um zu sehen, dass dieser Vorwurf an einem entscheidenden Punkt unvollständig ist. Er setzt voraus, dass der Gegenstand der Psychoanalyse — das Unbewusste, die Übertragung, der Widerstand, die Abwehr — die gleiche logische Struktur hat wie die Gegenstände der Naturwissenschaften. Atome, Elektronen, biologische Prozesse: Dinge, die unabhängig vom Beobachter existieren, die messbar sind, deren Verhalten in Gesetzen beschrieben werden kann. Wenn die Psychoanalyse mit solchen Dingen arbeitete, wäre Poppers Kritik vernichtend.

Aber was ist das Unbewusste? Es ist kein Ding im Gehirn. Keine Substanz, die man anfärben und unter dem Mikroskop betrachten könnte. Es ist eine Dimension der Bedeutung — eine Art und Weise, wie vergangene Erfahrungen die Gegenwart strukturieren, ohne dass der Betroffene das merkt; wie Wünsche, die nicht sein dürfen, sich in Umwegen äußern; wie Beziehungsgeschichten sich in jedem neuen Kontakt wiederholen. Das Unbewusste ist, in diesem Sinne, näher an einem Text als an einem Tumor. Und Texte liest man — man misst sie nicht.

Jürgen Habermas hat genau das 1968 in Erkenntnis und Interesse ausgearbeitet. Die Psychoanalyse, so Habermas, sei keine Naturwissenschaft — und müsse es nicht sein. Sie gehöre zum Typus der interpretativen Wissenschaften, gemeinsam mit Hermeneutik und kritischer Gesellschaftstheorie. Ihr Erkenntnisinteresse sei emanzipatorisch: Sie zielt nicht auf die Vorhersage von Ereignissen, sondern auf die Auflösung von Selbsttäuschungen. Der Analytiker deutet nicht, um Gesetze zu formulieren. Er deutet, um dem Patienten zu helfen, sich selbst zu verstehen — und damit zu überwinden, was ihn an der Wiederholung hindert (Habermas, 1968). Paul Ricœur las Freud zur selben Zeit als Hermeneutiker: als einen „Meister der Auslegung“, der gezeigt hat, dass das psychische Erleben die Struktur des Textes hat — mehrere Bedeutungsschichten, manifeste und latente Ebenen, einen Sinn, der sich nicht im Wortlaut erschöpft (Ricœur, 1965).

Adolf Grünbaum hielt dagegen, überzeugend und gründlich, in The Foundations of Psychoanalysis (1984): Freud selbst hatte klinische Validierung beansprucht. Er hatte nicht gesagt: Ich betreibe Hermeneutik. Er hatte gesagt: Meine Theorie stimmt, weil Patienten unter dieser Behandlung gesund werden. Und diese Behauptung lasse sich nicht durch nachträgliche hermeneutische Umdeutung retten.

Die Debatte ist unentschieden. Wahrscheinlich ist sie unentscheidbar — weil sie letztlich eine Frage berührt, die über Methodologie hinausgeht: Welche Art von Subjekt hat der Mensch? Ist er ein Organismus, dessen Verhalten sich in Gesetzen beschreiben lässt, wenn man genau genug hinschaut? Oder ist er etwas, das sich der vollständigen Beschreibung von außen entzieht — das eine Innenperspektive hat, die in keiner Außenperspektive aufgeht?

Die Psychoanalyse hat sich, implizit, für die zweite Antwort entschieden. Und damit hat sie sich, zumindest im Rahmen der zeitgenössischen akademischen Psychologie, in eine schwierige Position gebracht — nicht weil die erste Antwort bewiesen wäre, sondern weil sie das methodologisch bequemere Modell ist. Eine Wissenschaft, die sich durch Drittmitteleinwerbung, Impact-Faktoren und Replikierbarkeit definiert, bevorzugt systematisch jene Gegenstände, die sich in ihrem Format abbilden lassen. Das Subjekt im psychoanalytischen Sinne lässt sich nicht in dieses Format pressen. Also verschwindet es — langsam, ohne Drama, durch die unspektakuläre Entscheidung, Stellen nicht wieder zu besetzen.


Wie die Kasse wurde, was sie ist

Dass die Psychoanalyse trotzdem im deutschen Versorgungssystem sitzt, ist keine Folge des akademischen Arguments. Es ist eine Folge der Geschichte — und des richtigen Zeitpunkts.

1967 verabschiedeten die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die gesetzlichen Krankenkassen die ersten Psychotherapie-Richtlinien. Was dabei als wissenschaftlich anerkanntes Verfahren galt, entschied sich nicht durch Studien — die existierten für Psychotherapie 1967 kaum —, sondern durch Konsensprozesse unter Experten. Und diese Experten waren, zu diesem Zeitpunkt, überwiegend psychodynamisch ausgerichtet. Die Verhaltenstherapie hatte in Deutschland gerade erst begonnen, sich zu etablieren.

Ab 1970/71 galt analytische Psychotherapie als GKV-Leistung. Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie als eigenständiges Verfahren mit eigenen Stundenkontingenten wurde in späteren Überarbeitungen — insbesondere 1987 — klarer gefasst und separat kodifiziert. Patienten konnten Behandlungen beantragen, die von den Kassen bezahlt wurden. Für schwerer erkrankte Patienten: Langzeittherapien über 160, 240, 300 Stunden. Für die analytische Hochfrequenzanalyse: mehrmals wöchentlich, im Liegen.

Das ist international ohne Entsprechung. In keinem anderen Land hat die gesetzliche Krankenversicherung in dieser Form für klassische Psychoanalyse bezahlt. Das stabilisierte die Disziplin, schuf eine Infrastruktur aus Ausbildungsinstituten und niedergelassenen Analytikern, ermöglichte Behandlungen für Menschen, die sie sich sonst nicht hätten leisten können. Und es band die Psychoanalyse an ein bürokratisches System, das sie zugleich schützte und begrenzte. Stundenkontingente, Gutachterverfahren, Abrechnungssystematik: Der utopische Geist des Berliner Experiments von 1920 wurde in ein Formular gefasst.

Die Verhaltenstherapie kam 1985 hinzu, die systemische Therapie 2020. Die Gesprächspsychotherapie nach Rogers wurde 2018 gestrichen — mangelnde Evidenz. Die analytischen Verfahren halten ihren Platz, mit sinkenden Antragszahlen gegenüber der Verhaltenstherapie, aber strukturell eingebettet. Es wäre, im Prinzip, möglich, sie herauszunehmen — aber der politische Aufwand wäre enorm, und es gibt keinen aktiven Versuch dazu.

Was das bedeutet: Die Psychoanalyse wird in Deutschland nicht durch das epistemologische Argument geschützt, sondern durch bürokratische Kontinuität. Die Kasse fragt nicht, ob die Erkenntnistheorie der Psychoanalyse korrekt ist. Sie fragt, ob Patienten behandelt werden und ob die Behandlung wirkt.

Und hier treten die Verhältnisse in eine gewisse Ironie ein. Denn die Wirksamkeitsforschung der letzten Jahrzehnte liefert keineswegs das triumphale Bild, das die Vertreter der Verhaltenstherapie gerne zeichnen. Das bislang umfassendste Umbrella-Review — 102 Metaanalysen, 3.782 randomisierte Studien, 650.514 Patienten — kommt zu einem nüchternen Befund: Die durchschnittliche Effektstärke für Psychotherapie gegenüber Placebo oder Treatment-as-usual liegt bei SMD = 0.34, für Pharmakotherapie bei SMD = 0.36. Kein bedeutsamer Unterschied zwischen den beiden Behandlungsformen. Und kein bedeutsamer Unterschied zwischen den Psychotherapieverfahren untereinander: Im direkten Vergleich der Ansätze ergibt sich eine Effektstärke von SMD = 0.11 — statistisch nicht signifikant (Leichsenring et al., 2022).

Das ist das sogenannte Dodo-Verdikt — benannt nach dem Dodo-Vogel aus Alice im Wunderland, der nach einem Wettrennen verkündet: „Everybody has won, and all must have prizes.“ Alle psychotherapeutischen Verfahren, für die Studien vorliegen, wirken in etwa gleich gut. Nicht gut genug für viele Patienten — die Effektstärken sind durchgehend bescheiden, und bei strengen Qualitätskriterien sinken sie weiter. Aber eben: gleich.

Das ist keine Niederlage der Psychotherapie insgesamt. Es ist, wie die Autoren formulieren, eine Einladung zu einem Paradigmenwechsel in der Forschung: weg vom Verfahrensvergleich, hin zur Frage, welche Behandlung für welchen Patienten mit welcher Geschichte passt. Für die akademische Verdrängung der Psychoanalyse aber hat dieser Befund eine klare Implikation: Der Anspruch, die Verhaltenstherapie sei der Psychoanalyse empirisch überlegen, ist nicht haltbar. Er war nie haltbar. Und trotzdem hat er jahrzehntelang die Besetzungsentscheidungen an deutschen Universitäten geprägt.

Das Kassensystem hat damit, ohne es zu wissen und ohne es zu beabsichtigen, ein Monument errichtet — ein Denkmal für einen Ansatz, dessen intellektuelle Begründung im akademischen Betrieb längst nicht mehr zuhause ist. Ein merkwürdiges Monument, aus Formularen und Abrechnungsziffern. Aber eines, das hält.


Frankfurt, 2022: Ein Symptom lesen

Dass die Goethe-Universität Frankfurt 2022 entschied, die Professur für Psychoanalyse nicht neu zu besetzen, wäre fast eine lokale Personalentscheidung — wenn Frankfurt nicht dieser Ort wäre.

Hier gründete Mitscherlich das Sigmund-Freud-Institut. Hier entstand die engste Verbindung zwischen Psychoanalyse und Kritischer Theorie — das gemeinsame Projekt, die gesellschaftlichen Bedingungen individuellen Leidens zu verstehen. Hier wurde, über Jahrzehnte, psychoanalytisches Denken innerhalb einer Universität gelehrt und erforscht — nicht nur in privaten Instituten, sondern im akademischen Betrieb selbst. Die Streichung der Professur signalisiert: Diese Verbindung wird nicht mehr institutionell gehalten.

Dass 2025 mit Stiftungsmitteln eine neue Professur für Klinische Psychoanalyse eingerichtet werden konnte, ist erfreulich — und ein Indiz. Es ist ein Gegenmodell, finanziert durch private Zuwendungen, gekoppelt an das Sigmund-Freud-Institut. Es ist das, was bleibt, wenn der staatliche akademische Betrieb entscheidet, dass er etwas nicht mehr braucht: private Initiative, die rettet, was gerettet werden kann. Es ist kein Zeichen einer Trendwende. Es ist das Gegenteil.

Man kann die akademische Verdrängung der Psychoanalyse nüchtern beschreiben: Paradigmenwechsel in der Wissenschaft, Drittmittellogik, Dominanz der Verhaltenstherapie in der Ausbildungsstruktur. All das stimmt. Aber es wäre seltsam — und hier beginnt der eigentümliche Moment dieses Textes —, wenn eine Disziplin, die sich mit den Mechanismen der Verdrängung beschäftigt, diesen Mechanismus nicht erkennte, wenn er an ihr selbst angewandt wird.

Was bedroht eine Wissenschaft, die das Unbewusste ernst nimmt? Sie bedroht den Glauben an die vollständige Transparenz des Subjekts. Sie bedroht die Vorstellung, dass Menschen prinzipiell wissen, was sie tun und warum. Sie bedroht die Idee, dass Leiden sich vollständig in Symptomkatalogen erfassen, klassifizieren und durch gezielte Intervention beheben lässt. Ein Patient, der unter Übertragungsdynamiken leidet — der in jedem neuen Chef seinen alten Vater wiederfindet, der in jeder Liebesbeziehung dieselbe Wunde aktiviert —, ist kein Fall für einen Fragebogen. Er ist ein Subjekt mit Geschichte.

Dieses Subjekt — komplex, widersprüchlich, nicht vollständig mit sich selbst identisch, von der eigenen Vergangenheit bewohnt, ohne es recht zu wissen — ist in der zeitgenössischen akademischen Psychologie schwer unterzubringen. Nicht weil es nicht existierte. Sondern weil es nicht messbar ist auf eine Weise, die Artikel in hochrangigen Journals produziert.


Was bleibt

Die Psychoanalyse in Deutschland existiert im Spannungsfeld zweier Institutionen, die sie auf gegensätzliche Weise behandeln.

Das Kassensystem hält sie — nicht aus Überzeugung, sondern aus historischer Trägheit. Es hat 1967 eine Entscheidung getroffen, die sich verselbständigt hat, und diese Entscheidung schützt eine Praxis, die Hunderttausende Menschen jährlich in Anspruch nehmen. Das ist real. Das ist nicht nichts. Wer heute eine psychoanalytische Behandlung braucht, kann sie — wenn er einen Therapieplatz findet, was schwierig genug ist — von der Kasse finanziert bekommen.

Die Universität drängt sie heraus — nicht durch einen einzelnen Entschluss, nicht durch ein feindseliges Programm, sondern durch die Logik eines Wissenschaftsbetriebs, der einen bestimmten Gegenstand nicht gut verarbeiten kann. Das Unbewusste, die Übertragung, der nicht-messbare Aspekt menschlicher Innerlichkeit: Das lässt sich nicht in Randomisiertstudien fassen, nicht in Punkteskalen quantifizieren, nicht in dem Format präsentieren, das Journals und Förderinstitutionen verlangen. Deshalb verschwindet es — leise, durch Stellenabbau, durch Umwidmung, durch die freundlich-tödliche Entscheidung, jetzt lieber jemanden für kognitive Neurowissenschaft einzustellen.

Was passiert, wenn das Subjekt der Psychologie vollends zum Organismus wird — zu einem System, das man optimieren, trainieren, umprogrammieren kann, dem man aber keine Geschichte zumuten muss? Das ist keine rhetorische Frage. Es ist eine, die jede Gesellschaft früher oder später beantworten muss: Was für ein Bild vom Menschen liegt ihrer Wissenschaft zugrunde? Und was wird mit jenem Anteil des Menschen, der sich diesem Bild nicht fügt — der leidet auf Weisen, die sich nicht vollständig in Symptomkatalogen abbilden lassen, der wiederholt, was er nicht versteht, der mehr ist als seine Diagnose?

Die Psychoanalyse wird weiterexistieren — in den Ausbildungsinstituten, in der Supervisionsarbeit, in den Praxen, in den Texten, in den Sitzungen, in denen etwas bewusst wird, das sich nicht hätte bewusst werden müssen, aber es tut. Das ist nicht nichts. Es ist vielleicht sogar genug.

Aber es sollte jemanden nachdenklich stimmen, dass der einzige strukturelle Schutz, den diese Wissensform in Deutschland genießt, ein Formular aus dem Jahr 1967 ist.

Literatur

DGPT (2020). Psychotherapie-Ausbildung: Die Zukunft der Psychoanalyse ist gefährdet. Pressemitteilung, 14.01.2020.

Grünbaum, A. (1984). The foundations of psychoanalysis: A philosophical critique. University of California Press.

Habermas, J. (1968). Erkenntnis und Interesse. Suhrkamp.

Leichsenring, F., Steinert, C., Rabung, S., & Ioannidis, J. P. A. (2022). The efficacy of psychotherapies and pharmacotherapies for mental disorders in adults: an umbrella review and meta-analytic evaluation of recent meta-analyses. World Psychiatry, 21(1), 133–145. https://doi.org/10.1002/wps.20941

Mitscherlich, A., & Mitscherlich, M. (1967). Die Unfähigkeit zu trauern: Grundlagen kollektiven Verhaltens. Piper.

Popper, K. R. (1963). Conjectures and refutations: The growth of scientific knowledge. Routledge.

Ricœur, P. (1965). De l’interprétation: Essai sur Freud. Seuil.