
Psychoanalyse im Ringen um ihr Junktim-Erbe
„Die“ Psychoanalyse befindet sich seit jeher in einem Spannungsfeld zwischen Traditionsbewahrung und wissenschaftlicher Erneuerung. Schon Sigmund Freud verband das therapeutische Anliegen mit einem forschenden Erkenntnisinteresse – „heilen und forschen“ waren für ihn zwei Seiten derselben Medaille. Dennoch ist die Frage der Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse bis heute umstritten. Besonders im deutsch- und englischsprachigen Raum wird lebhaft debattiert, inwieweit psychoanalytische Theorie und Praxis den Kriterien empirischer Forschung genügen müssen, ohne dabei ihre Identität zu verlieren. Immer wieder steht im Raum: „Ist das noch Psychoanalyse?“ – etwa wenn neue manualisierte Therapieformen entwickelt werden oder statistische Wirksamkeitsstudien die traditionelle Fallstudienkultur ergänzen. Diese Diskussion hat historische Wurzeln (Eysenck, 1952) und wurde durch neuere Entwicklungen neu befeuert. In den letzten Jahrzehnten haben Befürworter einer empirisch fundierten Psychoanalyse beeindruckende Studien vorgelegt, während Skeptiker warnen, durch zu viel Anpassung gehe die Seele der Psychoanalyse verloren (Garstick-Straumann, 2023). Im Folgenden soll dieses Spannungsfeld beleuchtet werden.
Streitfrage: „Ist das noch Psychoanalyse?“ – Tradition versus Veränderung
Mit der Etablierung empirischer Methoden in der Psychotherapieforschung sehen sich Psychoanalytiker:innen mit der Frage konfrontiert, wie weit sie sich diesen Anforderungen anpassen können, ohne ihre eigenen Grundprinzipien aufzugeben. Viele Neuerungen – die Einführung der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD), die Entwicklung manualisierter Behandlungsformen wie der übertragungsfokussierten Psychotherapie (TFP) oder der mentalisierungsbasierten Therapie (MBT), standardisierte Behandlungsleitlinien – wurden innerhalb der Community kontrovers diskutiert. Kritiker befürchten eine Art „Kochbuch-Anleitung“ durch Manualisierung, welche der Komplexität des psychoanalytischen Prozesses nicht gerecht werde (Wallerstein, 1986). Eine manualisierte Therapie drohe zu schematisch zu werden und die Kreativität des Therapeuten einzuengen (Wallerstein, 1986). Tatsächlich schien lange ein grundlegender Widerspruch zu bestehen: Psychoanalyse setzt auf individuell maßgeschneiderte Behandlung, auf Offenheit des Settings und Unvorhersehbarkeit des Prozesses – empirische Forschung hingegen verlangt Standardisierung, Messbarkeit und Replizierbarkeit. Vor diesem Hintergrund äußerten manche traditionell orientierte Analytiker Zweifel, ob eine manualgeleitete Kurzzeittherapie mit Fokus auf ausgewählte Konflikte überhaupt noch als Psychoanalyse gelten könne. Noch stärker als bloße Zweifel jedoch tritt oft ein fast überhebliches Sich-Berufen auf die „wahre Tiefe“ der psychoanalytischen Arbeit zutage. Im Gegensatz zu „oberflächlichen“ Messverfahren, statistischen Verfahren und sogenannten „Belegen“ der Empirie – so die Argumentation – stehe die Psychoanalyse jenseits naturwissenschaftlicher Normen (für eine differenziertere Betrachtung siehe auch meinen Artikel im anderen Reiter „Psychoanalyse und Philosophie“). Manch eine Stimme stilisiert die Psychoanalyse zum letzten Hort der echten „Innerlichkeit“, der sich nicht mundgerecht operationalisieren lasse. Mitunter schwingt darin eine Abwertung anderer Therapieverfahren mit, die man – in einem Anflug (unbewusster) Arroganz – als bloßes „Symptompflaster“ abtut. In diesem Klima kann sich eine forschungsfeindliche Haltung etablieren, die sich selbst in der Rolle des Gralshüters der tiefen Seelenräume verortet und empirische Bemühungen als unwürdige Verkürzung der „magischen“ Dimension des Analysierens brandmarkt.
Spaltungstendenzen innerhalb der psychoanalytischen Gemeinschaft
Die Debatte um Forschung und Wissenschaft hat innerhalb der Psychoanalyse deshalb auch zu Spannungen und Spaltungen geführt. Grob schematisch lassen sich – zugespitzt – zwei Lager ausmachen: Auf der einen Seite diejenigen, die der empirischen Forschung eher reserviert bis ablehnend gegenüberstehen; auf der anderen Seite eine wachsende Gruppe von Analyst:innen, die sich aktiv an Forschung beteiligen oder sogar eigene Forschungsprogramme vorantreiben. Mancherorts entstand nach Freud eine Kultur der Abschottung (Leuzinger-Bohleber & Target, 2002). Die Ausbildung fokussierte auf die klinische Praxis und die Weitergabe der Tradition; empirische Studien galten manchen als unnötig oder gar als Bedrohung für die therapeutische Authentizität.
Auf der anderen Seite formierte sich seit den 1990er Jahren – sowohl international als auch im deutschsprachigen Raum – ein aktives Forscher-Netzwerk innerhalb der Psychoanalyse (Kächele et al., 2009). Namen wie Marianne Leuzinger-Bohleber, Horst Kächele, Helmut Thomä, Falk Leichsenring, Wolfgang Mertens u. v. a. stehen für eine Generation, die sowohl in der Theorie Freuds verwurzelt ist als auch keine Berührungsangst mit wissenschaftlichen Methoden hat. An universitären Standorten (z. B. Ulm, Gießen, Frankfurt) entstanden groß angelegte Forschungsprojekte zu psychoanalytischen Langzeittherapien (Leuzinger-Bohleber & Target, 2002). Diese Aktivitäten zeigen ein Umdenken: Anstatt Forschung als Bedrohung zu sehen, betrachtet man sie als Chance zur Weiterentwicklung. So lautet die Perspektive der „Erneuerer“: Psychoanalyse soll wissenschaftlich bleiben, aber auf eine Weise, die ihrem Gegenstand gerecht wird. Es geht nicht darum, die Therapie zu verbiegen, sondern übersetzbar zu machen – in Hypothesen, die getestet werden können, und in Daten, die die spezifischen Stärken der Psychoanalyse sichtbar machen.
International ist diese Bewegung ebenso sichtbar. In den USA traten Personen wie Jonathan Shedler, Drew Westen oder Glen Gabbard hervor, die Brücken zwischen Psychoanalyse und empirischer Psychologie schlagen (Shedler, 2010; Westen et al., 2004). In England ist Peter Fonagy ein prägendes Beispiel: Er hat mit seiner Arbeit zur Bindungsforschung und Mentalisierung gezeigt, wie fruchtbar die Verbindung von psychoanalytischer Theorie mit stringenter Forschung sein kann (Bateman & Fonagy, 2006). Otto Kernberg in den USA hat mit empirischen Studien zu Persönlichkeitsstörungen (insb. Borderline) verdeutlicht, dass man psychoanalytische Prinzipien durchaus in manualisierter, überprüfbarer Weise umsetzen kann (Clarkin et al., 2007), ohne dass die Behandlung banal wird. Diese „Brückenbauer“ eint die Überzeugung, dass die Psychoanalyse am meisten zu gewinnen hat, wenn sie einerseits empirische Prüfung nicht scheut, andererseits aber aufpasst, sich nicht selbst zu verleugnen.
Stimmen der Skepsis: Kritik an empirischer Forschung und Theorieanpassung
Kritische Stimmen innerhalb der Psychoanalyse sind durchaus wichtig – mahnen sie doch zur Reflexion und zum Bewahren dessen, was die Psychoanalyse einzigartig macht. Ein häufig vorgebrachtes Argument lautet, empirische Forschung greife zu kurz: Sie messe vor allem das, was leicht quantifizierbar ist – Symptomskalen, Verhaltensmaße, standardisierte Kategorien – und blende damit jene Dimensionen aus, die in einer psychoanalytischen Therapie zentral sind, z. B. subjektive Sinnfindung, Unbewusstes, individuelles Geschichtenerzählen (Garstick-Straumann, 2023). Tiefenveränderungen oder die Einzigartigkeit jedes analytischen Dialogs ließen sich so leicht nicht fassen. Wenn nun aus empirischen Studien Forderungen abgeleitet werden, die Theorie oder Technik der Psychoanalyse anzupassen (z. B. „Fokus auf Symptomreduktion, da nur die messbar ist“), löst das bei Traditionalisten Abwehr aus. Sie warnen davor, dass die Psychoanalyse sich selbst banalisiert, wenn sie nur noch das tut, was in ein RCT-Design passt. In solchen Fragen schwingt oft eine Identitätsangst mit: Die Psychoanalyse hat über Jahrzehnte eine kulturelle und geisteswissenschaftliche Rolle gespielt (als Kritik der Gesellschaft, als Tiefenhermeneutik von Kunst, Religion etc.). Wenn sie sich nun zu sehr als naturwissenschaftliche Therapie präsentiert, verliert sie dann nicht ihre breitere Relevanz und ihren intellektuellen Anspruch?
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Theorie: Empirie-orientierte Kollegen neigen dazu, Theoriemodelle zu modifizieren oder fallenzulassen, wenn die Evidenz dünn ist. So wurden z. B. klassische metapsychologische Konzepte (Libido, Todestrieb etc.) von manchen als entbehrlich erklärt, da empirisch kaum zu überprüfen. Konservative Analytiker sehen hierin jedoch einen Ausverkauf der Theorievielfalt und argumentieren, Psychoanalyse müsse spekulativ und mutig bleiben dürfen, da sie es mit Phänomenen zu tun habe, die nicht vollständig objektivierbar sind. Empirie könne hier immer nur Hilfskonstruktionen liefern, aber nicht die ganze Wahrheit (Wallerstein, 1986).
Die skeptischen Stimmen erinnern durchaus daran, dass Psychoanalyse mehr ist als nur eine Therapiemethode unter vielen – sie ist auch eine Haltung und eine Suchbewegung in die Tiefendimension des Psychischen. Diese könne leicht verlorengehen, wenn man sich zu sehr von äußeren Erwartungen (Kassen, Universitäten, Leitlinien) formen lässt. Die Herausforderung besteht also darin, einen Weg zu finden, Empirie und Tiefezusammenzudenken, ohne dass entweder Beliebigkeit oder Dogmatismus entsteht.
Forschungsfeindlichkeit mit den Mitteln der Forschungsfeinde untersucht
Eine psychoanalytische Betrachtung institutioneller und unbewusster Dynamiken
Gerade dort, wo sich eine gewisse Überheblichkeit oder gar Arroganz breitmacht – nach dem Motto, die Psychoanalyse stehe über den Erfordernissen der empirischen Psychologie – lohnt sich ein genauer psychodynamischer Blick. Denn wenn sich Teile der psychoanalytischen Gemeinschaft gegen Forschung sperren oder ihr nur reserviert begegnen, lässt sich diese Haltung aus psychoanalytischer Sicht als komplexes Zusammenspiel unbewusster und institutioneller Mechanismen verstehen. Dabei kann man – etwas provokant – sagen, dass gerade jene Instrumente, die die Psychoanalyse im klinischen Bereich für die Analyse von Abwehr, Konflikt und Trieb entwickelt hat, nun auf sie selbst angewendet werden müssen. Im Folgenden werden die wichtigsten Aspekte dieser „Forschungsfeindlichkeit“ eingehend beleuchtet und in einen psychodynamischen Kontext gesetzt.
Narzisstische Verletzbarkeit und das Ringen um Grandiosität (Freud, 1923/1961; Kohut, 1971; Rosenfeld, 1987)
Ein zentrales Motiv für Widerstand gegen Forschung kann die narzisstische Kränkung sein. Seit Freud erhebt die Psychoanalyse den Anspruch, das wahre „Innerste“ des Seelenlebens zu verstehen und als „Königsweg zum Unbewussten“ anderen Ansätzen überlegen zu sein. Wird diese Position nun von außen (z. B. durch akademische Psychologen, Gesundheitsbehörden) hinterfragt und die Psychoanalyse aufgefordert, ihre Wirksamkeit nachzuweisen, kann dies eine tiefe narzisstische Verwundung auslösen. Anstatt offen zu sagen: „Wir fühlen uns gekränkt und fürchten, unsere Deutungshoheit zu verlieren“, reagiert die Institution Psychoanalyse häufig mit Abwehrmechanismen wie Verleugnung oder Idealisierung der eigenen Exklusivität (Kohut, 1971). So klammert man sich an das narzisstische Ideal, bereits über die einzig wahren Einblicke in die Psyche zu verfügen, und wertet Forschung ab („Die messen doch nur Oberflächenphänomene“).
Spaltung und Projektion (Klein, 1946; Bion, 1961)
Melanie Kleins Konzept der Spaltung erklärt, wie Gruppen bedrohliche oder ungeliebte Aspekte abspalten und nach außen projizieren, um eine Ingroup-Outgroup-Struktur zu festigen. In der Forschungsthematik zeigt sich dies darin, dass die psychoanalytische Gemeinschaft sich in zwei Lager aufteilen kann:
- Das „reine, wahre“ Lager: Bewahrt die klassische, kunstvolle Psychoanalyse, möchte kaum Kompromisse mit empirischen Standards machen.
- Das „verräterische“ oder „fremde“ Lager: Versucht, Studien durchzuführen, Manuale einzuführen und sich an akademischen Maßstäben zu orientieren.
Letztere werden dann zum Sündenbock: Es entsteht ein Feindbild („Sie wollen alles verschulen und standardisieren“), während sich das konservativere Segment als moralisch überlegen wahrnimmt („Wir halten die Flagge der wahren Tiefenpsychologie hoch“). So formiert sich eine prototypische Splitting-Situation: Das Gute bleibt hier, das Böse wird dort verortet. Aus Bions Sicht wäre dies ein gruppendynamischer „Basic Assumption“-Zustand: Das gemeinsame Fantasma, man müsse das „Reine“ gegen das „Zerstörerische“ verteidigen, stabilisiert die Gruppenkohäsion, verhindert aber eine realistische Auseinandersetzung mit empirischer Prüfung.
Angst vor Objektivierung und Verlust der „magischen Aura“ (Winnicott, 1971; Freud, 1919/1955 – „Das Unheimliche“)
Ein wesentlicher Bestandteil psychoanalytischer Therapie ist für viele Analytiker:innen das „Unverfügbare“: der Übergangsraum (Winnicott, 1971), der intime Dialog, das spontane Hin- und Herfließen von Übertragung und Gegenübertragung, das nicht in Kennzahlen oder Manual-Schritten „eingefroren“ werden kann. Forschungsprojekte, die Sitzungen aufzeichnen, Interventionen kodieren und Parameter messen, fühlen sich wie eine Entzauberung dessen an, was eigentlich nur subjektiv erlebbar ist. Es entsteht eine regelrechte Entfremdungsangst: Der einzigartige, hochsymbolische Prozess des Analytikers mit dem Patienten droht „verunstaltet“ zu werden, wenn man ihn in statistische Parameter oder streng standardisierte Designs presst.
Negative Therapeutische Reaktion: Institutionelle Selbstsabotage (Freud, 1923/1961; Freud, 1937/1964)
Freud beschrieb das Phänomen, dass manche Patienten auf Anzeichen von Besserung mit einer Verschlechterung oder Verweigerung reagieren – eine negative therapeutische Reaktion. Überträgt man dies auf Institutionen, lässt sich beobachten, dass psychoanalytische Organisationen oder Ausbildungsstätten manchmal dann am stärksten gegen Forschung mobil machen, wenn sich plötzlich Türen öffnen (z. B. Fördergelder oder Kooperationsangebote mit Universitäten). Anstatt diese Gelegenheit zu ergreifen, reagieren manche Gruppen mit einer Art Abwehrkrise: Man stimmt zwar zu, dass Forschung wichtig sei, weicht aber auf Pro-forma-Projekte aus, blockiert die Umsetzung oder entmutigt die Beteiligten. Dadurch wird ein möglicher Erfolg verhindert, und die Institution kann in ihrer alten Selbstgewissheit verharren. Unbewusst wird so das Risiko von Wandel vermieden.
Todestrieb und institutionelle Destruktivität (Freud, 1920/1955; Stierlin, 1976)
Freuds Konzept des Todestriebs (Thanatos) beschreibt eine destruktive Kraft, die gegen jedes Wachstum wirken kann. Manche Autoren sehen diese Dynamik auch in psychoanalytischen Institutionen wirksam: Trotz offensichtlichem Bedarf an empirischen Nachweisen lässt man die Chance ungenutzt; man verhindert aktiv, dass Forschung zur Rettung der Psychoanalyse beiträgt, und nimmt den möglichen Niedergang (z. B. den Verlust universitärer Lehrstühle) stillschweigend in Kauf – Hauptsache, man behält die illusorische Reinheit der Lehre. Helm Stierlin (1976) sprach in diesem Zusammenhang von Kollusionsmustern, bei denen ganze Gruppen unbewusst zusammenwirken, um einen Untergang herbeizuführen, anstatt sich zu erneuern.
Rivalitäten und Machtkämpfe (Klein, 1946; Bion, 1961)
In vielen psychoanalytischen Ausbildungsinstituten gibt es hierarchische Strukturen: Lehranalytiker:innen, Supervisor:innen, Kandidat:innen. Forschung bedeutet, dass sich ein neues Wissensfeld öffnet, in dem insbesondere jüngere, methodenkundige Kolleg:innen rasch Kompetenz aufbauen können. Das kann unbewusste Rivalitätsängste wecken: „Da kommen die ‚Neuen‘ mit ihren Daten und Publikationen und stellen unsere klinische Meisterschaft infrage.“ So werden Sachfragen (Forschungsmethoden) zu Machtfragen – „Wer hat Deutungshoheit?“ – was das Vorankommen empirischer Initiativen erschwert.
Symbolisierung des „Fremden“ (Freud, 1919/1955)
Das Unheimliche entsteht laut Freud, wenn etwas zugleich fremd und doch vertraut ist. Forschung war ursprünglich Teil der Psychoanalyse (Freud sammelte Daten, berichtete Falldarstellungen, experimentierte mit Hypothesen). Im Laufe der Jahrzehnte verlagerte sich der Fokus jedoch auf rein klinisch-intuitive Vermittlung. Wenn nun Forschung „wiederkehrt“ – z. B. in Form von Neurowissenschaft – wirkt sie wie ein Fremdkörper, obwohl sie einst zur psychoanalytischen DNA gehörte. Diese fehlende Symbolisierung führt zu einer radikalen Ablehnung: Statt das Verlorene zu integrieren, fühlt man sich von ihm bedroht, weil es das Selbstbild der Psychoanalyse – als rein hermeneutische Disziplin – ins Wanken bringt.
Vom Boykott zur Integration: Die Psychoanalyse als ihr eigener „Patient“
Nimmt man diese unbewussten Dynamiken ernst, ergibt sich die Perspektive, dass die Psychoanalyse – als Institution – sich gewissermaßen einer Selbstanalyse unterziehen müsste.
- Unbewusster Gewinn: Was „gewinnt“ die Gemeinschaft wirklich durch forschungsfeindliches Verhalten?
- Kränkungsangst: Welche narzisstische Verwundung fürchten wir, wenn wir uns empirischen Prüfungen stellen?
- Reintegration: An welchen Punkten könnte das „Fremde“ (Forschung) als verschüttetes Eigenes erkannt und anerkannt werden?
Die konstruktive Wendung bestünde darin, Forschung nicht als Zumutung, sondern als Ergänzung der hermeneutischen Tradition zu sehen. Beispielsweise könnte man vermehrt qualitative Studien initiieren, die die Komplexität des therapeutischen Prozesses wertschätzen, oder Mixed-Methods-Projekte, in denen sich statistische und tiefenhermeneutische Ansätze ergänzen. So würde die Psychoanalyse nicht „banalisiert“, sondern könnte sich auf neue Erkenntnisquellen stützen.
Ein dritter Weg: Wie Psychoanalyse wissenschaftlich bleibt, ohne ihren Kern zu verlieren
Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt, dass eine gegenseitige Befruchtung von Tradition und Forschung möglich ist – dort, wo Offenheit und Kritik sich die Waage halten. Einige institutionelle Modelle demonstrieren einen solchen dritten Weg. Ein Beispiel ist die International Psychoanalytic University (IPU) Berlin, eine private Hochschule, die 2009 gegründet wurde. Dort wird Psychoanalyse akademisch gelehrt (in Bachelor-/Masterstudiengängen) und es wird geforscht, während gleichzeitig die Verbindung zur klinischen Praxis (durch Lehranalytiker:innen und praktische Ausbildungsmodule) bestehen bleibt. Die IPU zeigt, dass Psychoanalyse „zurück an die Universität“ kann, ohne ihr Alleinstellungsmerkmal aufzugeben. Studierende lernen dort sowohl Freuds Texte als auch Statistik; sie werden ermutigt, Forschung und klinische Weiterbildung zu machen. Auf diese Weise wächst eine Generation heran, die in beiden Welten heimisch ist.
Ein weiteres Modell ist die Einrichtung spezifischer Forschungsfonds und Preise innerhalb der psychoanalytischen Fachgesellschaften (z. B. DPV-Stiftung, IPA Research Committee). Dadurch entsteht ein Anreizsystem, das Forschung als integralen Bestandteil der psychoanalytischen Profession etabliert. Früher war es vielleicht karrieregefährdend, sich zu sehr der Forschung zuzuwenden; heute kann man Anerkennung ernten, wenn man z. B. eine Studie publiziert – ohne dass einem die „Analytiker-Würde“ abgesprochen wird.
Inhaltlich dürfte ein Mittelweg bedeuten, dass die Psychoanalyse ihre Theorie und Technik behutsam weiterentwickelt, basierend auf methodischer Sorgfalt, aber geleitet von ihren Grundprinzipien. Ein Beispiel ist die psychodynamische Kurzzeittherapie: Auf der Basis von Forschung (etwa zu Fokaltherapie) wurde ein Behandlungsmodell entworfen, das deutliche Struktur hat und empirisch evaluiert wurde – und dennoch den tiefenpsychologischen Kern beibehält (Konfliktbearbeitung, Beziehungsmuster, Übertragungsdeutung). Gleichzeitig bleibt die klassische Langzeit- und Hochfrequenzanalyse bestehen für Indikationen, wo sie gebraucht wird.
Ein Mittelweg erfordert auch, dass die Kritikpunkte der Skeptiker ernst genommen und integriert werden. So könnte man in Forschungsprojekten qualitative Komponenten einbauen, um den individuellen Therapieverlauf zu würdigen, anstatt nur Prä-Post-Scores zu erheben. Indem Forscher:innen umfassendere Outcome-Parameter nutzen, lässt sich zeigen, dass Psychoanalyse mehr bewirken kann als reine Symptomveränderung.
Schließlich gehört zum integrativen Weg die ständige Selbstreflexion der Psychoanalyse als Disziplin. Ein Stück weit ist die aktuelle Debatte selbst ein Ausdruck davon: Man diskutiert offen über Defizite (z. B. fehlende Replikationsstudien, abnehmende Präsenz in Hochschulen) und versucht, Lösungen zu finden, ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten. Freud selbst sprach einst von „Analyse der Analyse“ – im 21. Jahrhundert könnte man sagen: Die Psychoanalyse analysiert ihre eigene Abwehr gegen Forschung und erschließt sich damit neue Wege zu ihrer Zukunft.
Quo vadis Psychoanalyse
Die Diskussion um die Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse ist kein Nullsummenspiel zwischen alt und neu, sondern ein dynamischer Prozess, in dem die Disziplin an ihren Herausforderungen wächst. Historisch hat die Psychoanalyse schon mehrfach Wandlungen durchlaufen – man denke an Freuds eigene Revisionen, an die Integration neuer Konzepte (Objektbeziehungstheorie, Bindungstheorie), an die Anpassung an kulturelle Kontexte. Die aktuelle Debatte um Forschung ist letztlich eine Fortsetzung dieser Entwicklung: Wie kann die Psychoanalyse ihr ursprüngliches Junktim – das Ineinandergreifen von Therapie und Erkenntnis – bewahren und zugleich in der Gegenwart relevant bleiben?
Die hier diskutierten Positionen zeigen, dass Extreme – entweder völlige Forschungsverweigerung oder unkritische Anpassung – dem Feld nicht gerecht werden. Ein „dritter Weg“ hingegen, der das Beste beider Seiten vereint, zeichnet sich ab. Dieser Weg bedeutet, Empirie und Subjektivität zusammenzudenken: Die Psychoanalyse nimmt die Herausforderung an, sich wissenschaftlich zu prüfen, formuliert klarere Theorien, zeigt ihre Stärken – und behält den Mut, dort weiterzufragen, wo Messbarkeitsgrenzen erreicht sind. Sie verteidigt ihren reichen Erfahrungsschatz und ihr Verständnis vom Menschen, während sie diesen zugleich mit aktuellen Methoden untermauert.
Damit trägt sie dem Konzept des „Junktims“ Rechnung, das Freud einst formulierte: Heilen und Forschen schließen sich nicht aus, sondern bedingen sich gegenseitig. Am Ende könnte eine kreative Synthese stehen: eine Psychoanalyse, die wissenschaftlich fundiert und tiefenpsychologisch treu ist. Sollte dies gelingen, wäre die Disziplin bestens gerüstet, um im 21. Jahrhundert nicht nur historisches Erbe zu sein, sondern eine lebendige, wirksame und anerkannte Kraft im Kanon der Wissenschaften – als klinische Praxis, die heilt, und als Theorie, die forscht.
Literaturverzeichnis
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