Eine Methode, die überlebt hat —
und warum das zählt
In kaum einem anderen Land der Welt ist psychoanalytische Behandlung eine reguläre Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung. In kaum einem anderen Land ist sie zugleich institutionell so weit aus den Universitäten verdrängt worden. Diese Doppelbewegung — versorgungsrechtlich verankert, akademisch marginalisiert — ist die deutsche Eigenart.
In München sitzt eine Patientin in der Sprechstunde einer Psychotherapeutin. Sie hat seit einem halben Jahr Panikattacken, schläft nicht mehr durch, hat sich krankschreiben lassen, dann wieder zur Arbeit gezwungen, dann wieder krankschreiben lassen. Nach drei Gesprächen und vier probatorischen Sitzungen schlägt die Therapeutin ihr eine analytische Psychotherapie vor. Die Patientin füllt zwei Formulare aus, PTV 1 und PTV 2. Die Therapeutin schreibt einen anonymisierten Bericht an einen Gutachter, den die Kasse beauftragt. Drei Wochen später kommt der Bescheid: Einhundertsechzig Stunden bewilligt, bei dringender Notwendigkeit verlängerbar auf bis zu dreihundert. Sie zahlt keinen Cent.
In Frankfurt am Main, im selben Monat, hält ein Professor für Klinische Psychologie ein Seminar über die Geschichte der Psychotherapie. Er erwähnt Freud kurz, nicht ohne Ironie, und kommt schnell auf die kognitive Wende der siebziger Jahre. Eine Studentin fragt, ob die psychoanalytischen Verfahren heute noch eine Rolle spielen. Der Professor zögert. Im Versorgungssystem, sagt er, schon. In der Wissenschaft eigentlich nicht mehr.
Die deutsche Eigenart ist, dass beides gleichzeitig gilt. In kaum einem anderen Land ist die psychoanalytische Behandlung reguläre Kassenleistung. In kaum einem anderen Land ist sie zugleich institutionell so weit aus den Universitäten verdrängt worden — nicht weil die Forschung sie ignorierte, sondern weil sechzig von einundsechzig Lehrstühlen für Klinische Psychologie verhaltenstherapeutisch besetzt sind und die Stellenentscheidungen der letzten Jahrzehnte dieses Verhältnis zementiert haben. Eine Forschungstradition zur Wirksamkeit psychodynamischer Verfahren existiert und hat methodisch erheblich aufgeholt. Die Grabenkämpfe zwischen den Schulen, die das Fach lange prägten, haben sich abgemildert.
Das reformierte Psychotherapeutengesetz von 2020 hat eine neue Approbationsordnung geschaffen, die verlangt, alle wissenschaftlich anerkannten Verfahren im Studium zu vermitteln — nicht als Überblick, sondern als umsetzungsorientierte Kompetenz. Was sie nicht vorschreibt: dass die Lehrenden auch eine Fachkunde in dem Verfahren haben müssen, das sie lehren sollen. Die Konsequenz hat die DGPT 2022 klar benannt: Die psychoanalytischen Verfahren werden an den Universitäten „nur pro forma aus dem Lehrbuch“ vermittelt, lebendig gelehrt werden sie nicht — und weil das Studium sie nicht zum Leben erweckt, entstehen keine Behandlerinnen und Behandler, die sie wählen würden (Schäfer/DGPT, 2022; PsyFaKo, 2024). Fast die Hälfte aller Patientinnen und Patienten nimmt eine analytische oder tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie wahr. Das Lehrpersonal, das diese Verfahren kennt, nimmt ab.
Wie es zu dieser Lage kam, ist eine deutsche Geschichte, die sich zu kennen lohnt — auch wenn man nur eine Behandlung anfangen möchte und nicht eine Wissenschaftsgeschichte mitliefern.
Was eigentlich angeboten wird
Bevor wir zur Geschichte kommen, eine sachliche Klärung. Wenn auf dieser Seite von psychoanalytisch begründeten Verfahren die Rede ist, sind damit drei Behandlungsformate gemeint, die zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung gehören und auf derselben theoretischen Grundlage stehen.
Analytische Psychotherapie AP
Die intensivste Form. Zwei- bis viermal wöchentlich, meistens im Liegen auf der Couch. Die Patientin spricht so frei wie möglich, der Analytiker hört zu, deutet, hält das Setting. Die Couch ist kein Gimmick — wer nicht sieht, dass die Andere zuhört, hat es leichter, sich der eigenen inneren Welt zuzuwenden. Bis zu 300 Stunden für Erwachsene, das macht über mehrere Jahre eine kontinuierliche Begegnung möglich.
Modifizierte analytische Psychotherapie
Methodisch nach denselben Prinzipien, aber im Sitzen. Manche Patientinnen und Patienten brauchen den Blickkontakt, andere können sich auf das liegende Setting nicht einlassen, ohne in regressive Zustände zu geraten, die die Behandlung erschweren würden. Die modifizierte Form trägt dem Rechnung, ohne die analytische Haltung aufzugeben.
Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie TP
Das fokalere Format. Einmal wöchentlich im Sitzen, in der Regel sechzig Stunden, in besonderen Fällen bis zu hundert. Die Arbeit konzentriert sich auf einen umrissenen Konflikt oder eine umrissene Symptomatik. Die Methode bleibt psychoanalytisch, das Tempo ist ein anderes.
Was die drei Verfahren verbindet, ist nicht eine Lehre, sondern eine Methode. Sie nehmen ernst, dass Menschen sich selbst nicht durchsichtig sind. Sie arbeiten mit dem, was sich in der Beziehung zur Therapeutin zeigt — mit der Übertragung: alte Beziehungserfahrungen, die in der gegenwärtigen Begegnung wieder auftauchen, nicht als Erinnerung, sondern als gelebtes Muster (Freud, 1912b). Sie nehmen auch den Widerstand nicht als Hindernis, sondern als Information. Dort, wo etwas schwer zu denken ist, liegt oft das Wesentliche. Und sie setzen voraus, dass Symptome nicht nur Symptome sind, sondern auch Lösungsversuche für Konflikte, die ohne sie nicht aushaltbar wären.
Diese Methode ist nicht spektakulär. Sie ist langsam, geduldig, oft frustrierend für beide Beteiligten. Sie verspricht keine schnelle Symptomreduktion. Sie verspricht eine Veränderung im Verhältnis der Person zu sich selbst — und sie hält dieses Versprechen oft, manchmal aber auch nicht.
Dass diese drei Verfahren in Deutschland Kassenleistung sind, hat eine Geschichte, die in Berlin beginnt und sich über mehr als hundert Jahre erstreckt.
Eine deutsche Geschichte in vier Akten
Die Berliner Poliklinik
Am 14. Februar 1920 öffnete in der Berliner Potsdamer Straße die erste psychoanalytische Poliklinik der Welt (Brecht et al., 1985). Karl Abraham, Max Eitingon und Ernst Simmel hatten sie gegründet, finanziert in großen Teilen aus Eitingons Privatvermögen. Die Idee war nicht karitativ, sie war politisch. Freud hatte 1918 die Forderung formuliert, das Gewissen der Gesellschaft werde irgendwann erwachen müssen und ihr sagen, die Armen hätten ein Anrecht auf seelische Hilfe (Freud, 1919a). Eitingon nahm ihn beim Wort. Wer in der Berliner Poliklinik anfragte und nicht zahlen konnte, wurde behandelt.
Im selben Institut entstand das Ausbildungsmodell, das heute weltweit unter Eitingons Namen läuft: Lehranalyse, theoretische Seminare, klinische Supervision. Berlin war für etwas mehr als ein Jahrzehnt das Labor einer jungen Wissenschaft, die noch nicht wusste, welche Wissenschaft sie sein wollte — aber wusste, dass sie etwas berührte, das zählte. Der Geist des Instituts war der eines emanzipatorischen Projekts: Wissen über das Unbewusste sollte nicht Klassenprivileg sein.
Eine präzise Lektüre
Am 10. Mai 1933 brannten auf dem Berliner Opernplatz die Bücher Freuds. Man könnte das einen barbarischen Reflex nennen. Treffender ist eine andere Beschreibung. Das nationalsozialistische Regime hatte die Psychoanalyse mit einer gewissen Genauigkeit gelesen. Eine Wissenschaft, die zeigt, dass Menschen von Kräften bewegt werden, die ihnen selbst verborgen bleiben, ist einem Regime unangenehm, das auf willensstarke, rassisch definierte Subjekte angewiesen ist. Die Vertreibung war keine Ungenauigkeit. Sie war eine Lektüre.
Eitingon emigrierte nach Palästina. Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft schloss ihre jüdischen Mitglieder aus und ging 1936 im Deutschen Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie auf. Was dort weiterbetrieben wurde, hieß Tiefenpsychologie — die Methode ohne den Kern: das Unbewusste ohne Trieb, ohne Sexualität, ohne politische Sprengkraft (Cocks, 1997). 1938 wurde die DPG aufgelöst (Lockot, 2002). Freud starb 1939 im Londoner Exil.
Was Deutschland verließ, war nicht nur eine Berufsgruppe. Es war ein intellektuelles Temperament: das Interesse an der Selbsttäuschung, an den Kosten des Verdrängten. Die internationalen Entwicklungen der nächsten Jahrzehnte — Kleins Objektbeziehungstheorie in London, Winnicotts holding, Bions Containment-Modell, Lacans strukturalistische Wende in Paris — fanden alle anderswo statt. Der deutschsprachige Raum war abgeschnitten, und es dauerte eine Generation, bis er wieder Anschluss fand (Ermann, 2012).
Zwei Wiederaufbauten
Nach 1945 baute sich die Psychoanalyse in Deutschland zweifach auf. In Frankfurt entstand die intellektuelle Linie. Alexander Mitscherlich gründete 1949 in Heidelberg die erste Psychosomatische Klinik der Bundesrepublik, 1960 das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt — in fußläufiger Entfernung zum Institut für Sozialforschung, aus dem die Kritische Theorie hervorging. In Frankfurt traf eine klinische Tradition auf eine philosophische, und beide profitierten davon.
1967 erschien Die Unfähigkeit zu trauern: die Behauptung, dass eine Gesellschaft, die ihren narzisstischen Verlust nicht betrauern kann, ihn ins Wirtschaftswunder verschiebt. Begriffe wie Verdrängung, Abwehr, narzisstische Kränkung erwiesen sich als Werkzeuge der Gesellschaftsdiagnose. Diese Verbindung zwischen klinischer Praxis und Kulturkritik ist eine deutsche Eigenart, die nirgends sonst in dieser Schärfe entwickelt wurde.
Während Frankfurt das deutsche Bewusstsein behandelte, baute in West-Berlin eine andere Frau die Psychoanalyse in die gesetzliche Krankenversicherung. Annemarie Dührssen war Praktikerin und Versorgungsforscherin. 1965 veröffentlichte sie gemeinsam mit Eduard Jorswieck im Nervenarzt eine kontrollierte Studie: Patientinnen und Patienten in analytischer Behandlung brauchten in den fünf Jahren danach signifikant weniger Krankheitstage, hatten weniger Krankenhausaufenthalte, verursachten niedrigere Folgekosten (Dührssen & Jorswieck, 1965). Die Sozialversicherung konnte rechnen.
Der utopische Geist des Berliner Programms von 1920 — Behandlung unabhängig vom Geldbeutel — fand sich in einem Antragsformular wieder. Das ist weder die Erfüllung des Programms noch sein Verrat. Es ist seine deutsche Form.
Das Formular und sein Nachklang
Am 3. Mai 1967 beschloss der Bundesausschuss die Richtlinien über tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie in der kassenärztlichen Versorgung. Am 1. Oktober traten sie in Kraft. Das Wort tiefenpsychologisch hatte im Göring-Institut Karriere gemacht als Tarnbegriff für eine sanitisierte Psychoanalyse ohne ihren jüdischen Begründer. In den westdeutschen Richtlinien tauchte es wieder auf, diesmal als Bezeichnung für ein eigenständiges fokales Verfahren. Die Kombination tiefenpsychologisch fundiert findet sich in der Literatur vor 1967 nirgends — sie ist eine Erfindung der Richtlinien-Kommission (Hauten, 2012). Dührssen war an der Ausgestaltung über drei Jahrzehnte hinweg maßgeblich beteiligt.
1987 kam die Verhaltenstherapie hinzu. Damit entstand der heute offizielle Oberbegriff psychoanalytisch begründete Verfahren, der AP und TP zusammenfasst. 2018 wurde die Gesprächspsychotherapie wegen fehlender Wirksamkeitsnachweise gestrichen. 2020 kam die Systemische Therapie hinzu. Die analytischen Verfahren halten ihren Platz — strukturell unangetastet. Das ist international ohne Entsprechung.
Was heute ist
Die Versorgung. 2021 waren rund die Hälfte aller GKV-finanzierten Psychotherapien Verhaltenstherapie, 45 Prozent tiefenpsychologisch fundiert, nur 2 Prozent analytisch im klassischen Sinn (Deutsches Ärzteblatt, 2024). Die Hochfrequenzbehandlung auf der Couch ist heute ein klinischer Sonderfall, kein Standard. Niedergelassene Behandlerinnen und Behandler haben dabei häufig mehr als eine Verfahrensqualifikation; viele AP-Therapeut:innen bieten zusätzlich TP an (DPtV, 2021). Was angewandt wird, richtet sich nach der Indikation, nicht nach einer einzelnen Schule.
Was Patientinnen und Patienten am unmittelbarsten spüren, ist die Wartezeit. Im Bundesschnitt vergehen 142 Tage zwischen dem ersten Sprechstundengespräch und dem Therapiebeginn. In der Stadt liegt der Median bei acht Wochen, auf dem Land bei vierundzwanzig. Die Bundespsychotherapeutenkammer empfiehlt aus fachlicher Sicht eine Wartezeit von maximal acht bis zwölf Wochen, um Chronifizierung zu verhindern (BPtK, 2024). Die Versorgung hat die Verfahren. Sie hat nicht genug Therapeutinnen und Therapeuten, um sie verfügbar zu machen.
Die Universität. Wer Psychologie studiert, begegnet der Psychoanalyse als Kapitel in der Theoriegeschichte — oft mit demselben Ton, mit dem man Phlogiston erwähnt: war einmal, ist überholt, gut zu wissen. Der Lehrstuhl in Kassel, einer der wenigen nicht verhaltenstherapeutisch besetzten im Land, ist nach dem Tod von Cord Benecke 2025 ohne klare Nachfolgeperspektive (DGPT, 2020; Gaertner, 2021).
In Frankfurt entschied die Goethe-Universität 2022, die Psychoanalyse-Professur nach der Emeritierung nicht neu auszuschreiben. 2025 wurde eine Stiftungsprofessur für Klinische Psychoanalyse beschlossen, finanziert mit vier Millionen Euro privater Mittel (Goethe-Universität Frankfurt, 2025). Es ist erfreulich. Es ist zugleich ein Indikator: Was der staatliche akademische Betrieb nicht mehr trägt, muss durch Stifter gerettet werden.
Es gibt eine externe Erzählung über diese Verdrängung: Der Wissenschaftsbetrieb bevorzugt manualisierbare, randomisierbare Verfahren. Diese Erzählung stimmt. Es gibt aber auch eine interne, die sich die Psychoanalyse selbst sagen muss. Anna Freud hatte 1971 darauf hingewiesen, dass die psychoanalytische Ausbildung als abendliches Teilzeit-Programm ohne Forschungsinfrastruktur skandalös sei (A. Freud, 1971). Erst in den letzten zwanzig Jahren hat sich eine empirische Forschungstradition aufgebaut, die mit den Methodenkritikern der biomedizinischen Forschung kooperiert. Das ist spät. Aber es ist nicht zu spät.
Wenn Sie eine Behandlung beginnen
Diese Geschichte muss man nicht kennen, um in Behandlung zu gehen. Aber es lohnt sich, ein paar praktische Dinge zu wissen, bevor man anfängt.
Vorab: Die Suche
Wartezeiten von mehreren Monaten sind real — das ist kein persönliches Versagen, sondern ein strukturelles Problem der Versorgung. Sinnvoll ist, mehrere Praxen gleichzeitig zu kontaktieren, nicht nacheinander. Alle Kontaktversuche dokumentieren: Datum, Ergebnis. Das wird später gebraucht. Wer einen Therapieplatz sucht, sollte diese Zeit aktiv nutzen: Beratungsstellen aufsuchen, Ambulanzen kontaktieren, beim Krisendienst nachfragen. Warten heißt nicht passiv sein. Alle Wege zur Therapieplatzsuche →
Psychotherapeutische Sprechstunde
Bis zu drei Termine, ohne Antrag, mit Versichertenkarte. Hier wird geklärt, ob eine psychische Erkrankung im Sinne der Richtlinien vorliegt und welches Verfahren in Frage kommt. Ergebnis: das Formular PTV 11.
Probatorische Sitzungen
Bis zu vier Termine bei der Therapeutin, bei der Sie die Behandlung führen würden — ohne Antrag. Beide Seiten prüfen, ob die Passung stimmt: die Person, das Verfahren, die Indikation. Eine probatorische Sitzung ist kein verbindlicher Behandlungsvertrag.
Antragsverfahren
PTV 1 und PTV 2 reichen Sie bei Ihrer Krankenkasse ein. Bei somatischen Vorerkrankungen kommt ein Konsiliarbericht der Hausärztin dazu. Bei Langzeittherapie schreibt die Therapeutin einen anonymisierten Bericht an einen externen Gutachter (PTV 3).
Gutachterverfahren & Stundenkontingente
Eine approbierte Therapeutin mit besonderer Qualifikation prüft Indikation, Behandlungsplanung und Prognose. Erst nach positivem Votum bewilligt die Kasse die Stunden. AP: bis zu 300 Stunden. TP: bis zu 100 Stunden. Welches Verfahren in Frage kommt, wird in den probatorischen Sitzungen gemeinsam nach Indikation geklärt — nicht nach Wunsch.
Was bleibt
Die Konstellation, in der die Psychoanalyse in Deutschland heute steht, ist nirgends sonst auf der Welt so gefasst. Eine gesetzliche Krankenversicherung, die seit sechs Jahrzehnten für ein anspruchsvolles, langfristig angelegtes Behandlungsverfahren einsteht. Eine Universitätslandschaft, die mit interpretativen Wissensformen schwerer umgehen kann als mit randomisierbaren. Beides ist Teil derselben Lage, und beides hat eigene Gründe, die nichts mit der Qualität der Behandlung zu tun haben.
Was in den Behandlungen passiert, ist davon unabhängig. Die psychoanalytischen Verfahren wirken in randomisierten Studien vergleichbar mit anderen empirisch gestützten Therapien — mit besonderen Stärken bei Persönlichkeitsstörungen, bei strukturbezogener Veränderung und bei der Nachhaltigkeit der erzielten Verbesserungen über das Therapieende hinaus. Ihre Grundkonzepte — Unbewusstes, Abwehr, Übertragung, frühe Beziehungserfahrung — sind experimentell besser gestützt als die meisten psychologischen Theorien. Das, was diese Verfahren tun, ist kein Geheimnis und kein Glaubensartikel. Es ist eine empirisch fundierte Behandlungstradition, die ihren Platz auf Augenhöhe mit jeder anderen behandelt.
Was sie über die Effektstärken hinaus auszeichnet, ist eine bestimmte Haltung gegenüber dem Leiden. Sie nehmen ernst, dass Symptome eine Geschichte haben. Sie nehmen ernst, dass Menschen sich selbst nicht durchsichtig sind. Sie nehmen ernst, dass Veränderung Zeit braucht, weil das, was sich entwickelt hat, sich nicht in wenigen Sitzungen auflöst. In einer Spätmoderne, die für psychisches Leiden immer kürzere und manualisiertere Lösungen anbietet, ist das ein eigentümlich gegenwärtiger Vorschlag: Zeit für die eigene Komplexität. Nicht als Luxus. Als Behandlungsstandard, der in den Richtlinien festgeschrieben ist und von der gesetzlichen Krankenversicherung getragen wird.
Die Patientin aus München sitzt heute, einige Jahre später, dreimal in der Woche bei ihrer Analytikerin auf der Couch. Die Panikattacken waren nach zwanzig Stunden bewältigt — schneller als sie selbst erwartet hatte. Aber als das Symptom verschwunden war, lag der Konflikt frei, den die Panik die ganze Zeit überdeckt hatte. Diesen bearbeitet sie jetzt. Was als Symptomtherapie begonnen hat, ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte geworden. Sie macht das nicht, weil sie sich für die Methode interessiert. Sie macht es, weil sie merkt, dass Muster, die ihr Leben lange eingeschränkt haben, sich zu verändern beginnen — und weil in diesem Prozess etwas freier wird, das sich vorher nicht bewegen ließ.
Das ist die deutsche Eigenart. Eine Wissenschaft, deren akademische Reproduktion bedroht ist. Eine Universitätslandschaft, die sie nicht mehr trägt. Und gleichzeitig eine Methode, die wirkt, ein Verfahren, das Patientinnen wie diese durch dreihundert Stunden begleiten darf, und ein Versorgungssystem, das diese Dauer ausdrücklich vorsieht. In wenigen anderen Ländern der Welt ist diese Kombination möglich. In Deutschland ist sie es — weil eine Frau in Berlin in den sechziger Jahren etwas durchgesetzt hat, was bis heute trägt, und weil über drei Verfahren hinweg eine Methode arbeitet, die seit hundert Jahren etwas anbietet, das anderswo schwer zu finden ist: einen Raum, in dem das Schwierige nicht weggetan, sondern angesehen wird.
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Literatur & Quellen
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- Psychologie-Fachschaften-Konferenz (PsyFaKo) (2024). Positionspapier zur Verfahrensvielfalt im Psychotherapiestudium. Verabschiedet Juni 2024, Bochum.
- Adorno, T. W., Frenkel-Brunswik, E., Levinson, D. J. & Sanford, R. N. (1950). The Authoritarian Personality. Harper & Brothers. [Deutsche Ausgabe: Studien zum autoritären Charakter. Suhrkamp 1973.]
- Brecht, K., Friedrich, V., Hermanns, L. M., Kaminer, I. J. & Juelich, D. (Hrsg.). (1985). „Hier geht das Leben auf eine sehr merkwürdige Weise weiter …“ Kellner.
- Brede, K. (2019). „Die Unfähigkeit zu trauern“ — eine verstörende historisch-psychologische Zeitdiagnose. Psyche, 73(11), 883–907.
- Bundespsychotherapeutenkammer (2024). Auswertung: Monatelange Wartezeiten bei Psychotherapeut:innen.
- Cocks, G. (1997). Psychotherapy in the Third Reich: The Göring Institute (2. Aufl.). Transaction Publishers.
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