Jacques Lacans Theoriegebäude

Eine Analyse seiner Hauptkonzepte und ihrer Relevanz für die moderne Psychoanalyse

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1. Einleitung

Jacques Lacan (1901–1981) gilt als einer der einflussreichsten und zugleich umstrittensten Psychoanalytiker nach Sigmund Freud (Roudinesco, 1997, S. 1–4). Mit seinem „Rückkehr zu Freud“ und der innovativen Verknüpfung von Psychoanalyse und Strukturalismus prägte Lacan die Theorie und Praxis der Psychoanalyse im 20. Jahrhundert nachhaltig. Insbesondere die linguistisch-strukturalistische Ausrichtung seines Ansatzes – verdichtet in der berühmten Formel, das Unbewusste sei „strukturiert wie eine Sprache“ (Lacan, 1966, S. 497) – markiert einen Paradigmenwechsel in der Nach-Freud’schen Psychoanalyse. Lacan verstand sich selbst als Wahrer der Freudschen Lehre und verband diese mit den Theorien von Ferdinand de Saussure, Roman Jakobson und Claude Lévi-Strauss (Lacan, 1966; vgl. auch „Fonction et champ de la parole“, 1953). Seine jährlichen Seminare in Paris (1953–1980) zogen nicht nur klinische Psychoanalytiker, sondern auch Philosophen, Literaten und andere Intellektuelle an, was seine interdisziplinäre Bedeutung unterstreicht (Lacan, 1966, S. 155–163, je nach Ausgabe).

Im Folgenden soll Lacans Theoriegebäude umfassend analysiert werden. Wir stützen uns dabei sowohl auf die französischen Originaltexte (etwa Écrits und Le Séminaire in verschiedenen Bänden) als auch auf deutsche (Schriften, Seminar-Übersetzungen) und englische Übersetzungen (z. B. ÉcritsThe Seminar of Jacques Lacan). Dadurch können wir Lacans Schlüsselbegriffe in den drei Sprachen wörtlich zitieren und die Nuancen seiner Terminologie verdeutlichen. Nach dieser Einleitung (Abschnitt 1) werden im Abschnitt 2 zunächst der theoretische Hintergrund und zentrale Begriffe erläutert – darunter Lacans Rückgriff auf Freud und die strukturalistische Linguistik (Saussure, Jakobson) sowie Konzepte wie SignifikantSignifikatSignifikantenkette. Abschnitt 3 führt in Lacans Drei-Register-Lehre ein (Imaginäres, Symbolisches, Reales), gefolgt von Abschnitt 4, der die Entwicklung des Spiegelstadiums nachzeichnet. In Abschnitt 5wird das Diktum „Das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache“und die damit verbundene Struktur der Traumarbeit (Metapher und Metonymie) untersucht. Abschnitt 6 behandelt Lacans Unterscheidung von Verdrängung und Verwerfungim Kontext der Psychosenlehre. Abschnitt 7 widmet sich den Konzepten BegehrenJouissance und dem Objekt klein a(objet petit a) als Motor des Begehrens. Abschnitt 8 bietet einen Überblick über die Rezeption von Lacans Werk und dessen Einfluss auf Psychoanalyse, Philosophie, Literatur- und Kulturtheorie sowie die feministische Theorie (u. a. unter Bezug auf Roudinesco, Žižek, Kristeva, Fink). Ein kurzes Fazit (Abschnitt 9) fasst die Hauptthesen zusammen und erörtert die aktuelle Relevanz Lacans für Gegenwart und Forschungsperspektiven.

2. Hintergrund und Schlüsselbegriffe

Lacans Denken ist tief verwurzelt in der klassischen Psychoanalyse Freuds, die er jedoch durch eine linguistisch-strukturalistische Perspektive neu interpretiert. Er übernimmt Freuds Entdeckung des Unbewussten und dessen Mechanismen (z. B. Fehlleistungen, Traumarbeit), betrachtet diese aber durch die Linse der Sprachwissenschaft. Entscheidend war dabei der Einfluss von Saussures Zeichentheorie und Jakobsons Struktur der Sprache. Saussure definierte bekanntlich jedes sprachliche Zeichen als Dyade von Signifikant (Zeichenform, „Bezeichnendes“) und Signifikat (Bedeutungsinhalt, „Bezeichnetes“). Lacan greift diese Unterscheidung auf, verschiebt jedoch den Fokus radikal: Nicht das Signifikat, sondern der Signifikant erhält Primat (Lacan, 1957/1975, in: Schriften II). In seinem Aufsatz „Die Instanz des Buchstabens im Unbewussten“ löst Lacan den Signifikanten aus der starren Bindung an ein bestimmtes Signifikat und betont dessen autonome Wirkkraft im Symbolischen. „Lacan désarrime le signifiant de tout rapport homonymique au signifié et affirme, dans son ordre, son autonomie“ – „Lacan löst den Signifikanten von jeder homonymischen Bindung an das Signifikat und behauptet dessen Eigenständigkeit innerhalb der symbolischen Ordnung“(Lacan, 1966, S. 499). Bedeutung (signification„sättigt den Signifikanten nie vollständig“, vielmehr zeigt sich im sprachlichen Zeichen eine unüberbrückbare Alterität: Eine Barriere (Saussures „barre“) trennt Signifikant und Signifikat und verweist darauf, dass Bedeutungen stets nur im Netzwerk der Signifikanten entstehen (vgl. Saussure, 1916). Diese Signifikantenkette (chaîne signifiante) ist potentiell unendlich: Jeder Signifikant verweist auf weitere Signifikanten, wodurch Bedeutung als Effekt von Differenzen und Verschiebungen innerhalb der Kette erzeugt wird.

Ein zentraler Leitsatz Lacans lautet: „Ein Signifikant ist das, wodurch für einen anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert wird.“ Im Original heißt es: « un signifiant, c’est ce qui représente le sujet pour un autre signifiant » (Lacan, 1966, S. 819). Die autorisierte deutsche Übersetzung nach Hans-Dieter Gondek lautet: „Ein Signifikant ist das, was das Subjekt für einen anderen [Signifikanten] repräsentiert.“ (Lacan, 1975, S. 172), während die englische Version spricht von “a signifier is that which represents a subject for another signifier”. In dieser Definition – entnommen Lacans Aufsatz „Subversion du sujet…“ (1960) – zeigt sich bereits Lacans Abkehr vom kartesianischen Selbstbewusstsein: Das Subjekt ist nichts Substanzielles oder Autonomes, sondern konstituiert sich erst im Gefüge der Signifikanten. Es wird vom Signifikanten repräsentiert, und zwar immer für einen anderen Signifikanten, nicht für ein anderes Ich. Diese Einsicht bildet den Kern von Lacans Subjektbegriff: Das Subjekt ist ein Effekt der Sprache, ein „Produkt des Signifikanten“, das als gespaltener Punkt zwischen den Signifikanten existiert (Lacan, 1966, S. 816–820).

Lacan verbindet hier Freuds Theorie des Unbewussten mit der Linguistik: Das Unbewusste operiert mittels ähnlicher Prozesse wie die Sprache. So entsprechen nach Lacan die beiden von Freud beschriebenen Mechanismen der Traumarbeit – Verdichtung (condensation) und Verschiebung (displacement) – genau den sprachlichen Figuren der Metapher und Metonymie (Lacan, 1966, v. a. in „Die Instanz des Buchstabens…“). Die Metapher beruht auf Ersetzung (Substitution) eines Signifikanten durch einen anderen – ein Prozess, der der Freudschen Verdichtung entspricht, da mehrere Bedeutungen in einem einzigen Bild oder Wort überlagert werden. Die Metonymie hingegen beruht auf Verschiebung entlang einer Assoziationskette (Kontiguität) – analog zur Freudschen Verschiebung, bei der affektive Bedeutung auf benachbarte Vorstellungen übertragen wird. Lacan formuliert prägnant: „La condensation est une métaphore… Le déplacement est une métonymie…“ – „Die Verdichtung ist eine Metapher … die Verschiebung eine Metonymie“ (Lacan, 1966, S. 503). Damit macht er deutlich, dass das Unbewusste wie eine Sprache strukturiert ist: Unbewusste Inhalte sind nicht Dinge oder energetische Quantitäten, sondern folgen einer „rhetorischen“ Logik (Lacan, 1966, S. 503), in der Symptom und Traum als sprachähnliche Texte gelesen werden können.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Lacan mithilfe der Linguistik Freuds Begrifflichkeiten neu fasst. Begriffe wie Signifikant und Signifikantenkette betonen den Vorrang der symbolischen Struktur über das individuelle Bewusstsein. Das Subjekt wird als Effekt dieser Struktur definiert – berühmt Lacans Formel: „Das Subjekt ist das, was ein Signifikant für einen anderen Signifikanten repräsentiert“(Lacan, 1966, S. 819). Diese fundamentale Neudefinition ebnet den Weg zu Lacans weiteren Konzepten, die auf der Verzahnung von psychoanalytischer Erfahrung und sprachlicher Struktur basieren. Bevor wir uns dem Unbewussten und anderen Spezialthemen zuwenden, ist es jedoch notwendig, Lacans Dreiteilung der menschlichen Erfahrung in Imaginäres, Symbolisches, Reales zu verstehen, da sie den Rahmen für all seine Theorien bildet.

3. Die drei Register: Imaginäres, Symbolisches, Reales

Eine der grundlegenden Architekturen von Lacans Theorie ist die Trias der drei Register: das Imaginäre, das Symbolische und das Reale. Diese drei Ordnungen bilden die „Grundkoordinaten der psychischen Subjektivität à la Lacan“ (Evans, 1996, S. 87) und durchziehen sein gesamtes Werk. Kurz gefasst lassen sie sich so charakterisieren: Das Imaginäre steht für den Bereich der Bilder, Identifikationen und Illusionen; das Symbolische für die Ordnung der Sprache, der Gesetze und der sozialen Struktur; das Reale für das Unfassbare, was sich sprachlicher Fassung entzieht und als Unmögliches oder Trauma hervortritt. Trotz dieser knappen Definitionen ist zu beachten, dass die Register keine getrennten „Teile“ der Psyche sind, sondern dimensionale Aspekte jeder psychischen Erfahrung, die stets miteinander verflochten sind (Lacan, 1991, Seminar II, S. 45 ff.). Dennoch hilft es, sie analytisch zu trennen, um Lacans Theoriebau zu verstehen.

Imaginäres: Mit imaginaire bezeichnet Lacan den Bereich des Bildhaften und des Spiegelhaften. Historisch dominierte das Imaginäre in Lacans frühem Denken (1930er/40er Jahre), etwa in der Theorie des Spiegelstadiums (s. Abschnitt 4). Das Imaginäre umfasst das Bild des Anderen und des Ichs, also jene Ebene, auf der sich das Ego aufgrund von Spiegelbildern und Identifikationen formt. Lacan meint mit „imaginary“ explizit das Fiktive und Trügerische: das Ego bildet sich durch ein imaginäres Bild seiner selbst, das zwar Kohärenz und Ganzheit suggeriert, in Wahrheit aber auf einer méconnaissance (Verkennung) beruht (Lacan, 1966, S. 93). Das Ich ist im Imaginären gefangen in einem „Knoten imaginärer Knechtschaft“ (Lacan, 1966, S. 94) – einer unauflöslichen Bindung an das eigene Spiegelbild und an die illusorische Idealvorstellung von sich selbst, die fortwährend narzisstisch bestätigt werden muss. Das Imaginäre tendiert zu Dualbeziehungen (Ich–Gegenüber) und symmetrischen Rivalitäten. Es ist die Sphäre, in der etwa Neid, Konkurrenz und narzisstische Kränkungen ihren Ursprung haben. Dennoch ist das Imaginäre ein notwendiger Bestandteil der Subjektwerdung: Ohne die Herstellung eines Bildes von sich selbst (sei es noch so imaginär) könnte das Kind kein stabiles Ich entwickeln. Lacan betont jedoch die Abhängigkeit des Imaginären vom Symbolischen: Die Bilder und Vorstellungen des Imaginären sind stets schon sprachlich überformt und bedeutungsgeladen – das Imaginäre ist „in das Symbolische eingebunden“ (Lacan, 1987, Seminar I, Kap. 2) und niemals rein vor-sprachlich.

Symbolisches: Unter dem Symbolischen versteht Lacan die Ordnung der Sprache, der Gesetze, der sozialen Regeln und Strukturen. Es entspricht in etwa dem, was Freud das „Kulturelle“ oder „Vaterrecht“ nennen könnte, ist aber bei Lacan vor allem linguistisch gefasst: Das Symbolische ist das Netzwerk der Signifikanten, das den Menschen von Anfang an umgibt. „Symbols in fact envelop the life of man in a network so total that… before he comes into the world, they have woven his destiny“ (Lacan, 1953/1966, S. 238) – „Die Symbole umgeben das Leben des Menschen mit einem so lückenlosen Netz, dass sie – noch bevor er geboren wird – bereits diejenigen vereinen, die ihn zeugen werden.“ (ebd., S. 238–239). Dieses Zitat (aus Lacans Rom-Vortrag 1953) verdeutlicht: Das Individuum ist immer schon in eine sprachlich-symbolische Ordnung eingebettet (Familiennamen, Verwandtschaftsstrukturen, sprachliche Bedeutungen), die seine Identität formt. Lacan formuliert pointiert: „Der Mensch spricht also, aber das ist so, weil das Symbol ihn zum Menschen gemacht hat.“ (ebd., S. 239). Das Symbolische vermittelt zwischen Subjekten: Es ist der Ort des Anderen (mit großem A) – jenes große Andere, das als abstraktes Gegenüber fungiert, wenn wir sprechen und soziale Rollen einnehmen. Das Symbolische ist gekennzeichnet durch Differenz, Vermittlung und Struktur. Hier herrschen Gesetz und Verwandtschaft (z. B. das Inzestverbot und die vom Vater repräsentierte Gesetzesinstanz – Lacans Name-of-the-FatherNom du Père, siehe Abschnitt 6). Im Symbolischen entsteht auch die geteilte Bedeutung: Sprache ermöglicht Kommunikation, aber auch die Verkennung (kein Wort deckt sich je völlig mit dem Gemeinten). Lacan nennt das Unbewusste selbst „die Rede des Anderen“ (Lacan, 1966, S. 312), um auszudrücken, dass das Unbewusste strukturell im Symbolischen verankert ist: Es spricht (durch Symptome, Träume) in einer Weise, die das Subjekt selbst wie ein Fremder erlebt. Insgesamt ist das Symbolische für Lacan die „prägende Ordnung des Subjekts“ (Lacan, 1955/1990, Seminar III), da es die Regeln der Identifikation und des Begehrens vorgibt.

Reales: Das Reale schließlich bezeichnet bei Lacan jene Dimension der menschlichen Erfahrung, die weder imaginär noch symbolisch erfasst werden kann – das Außerhalb-der-Sprache, das Ungreifbare, das Traumatische. Frühe Definitionen des Realen (1950er Jahre) beschreiben es als „brute materielle Realität“, das „Sein an sich“, welches jenseits aller Erscheinung liegt (Lacan, 1975, Seminar I, S. 67 f.). In den Seminaren der 1950er blieb das Reale relativ unterbestimmt, rückte aber ab den 1960ern ins Zentrum von Lacans Überlegungen (Lacan, 1973, Seminar XI). Ein berühmter Ausspruch Lacans lautet: „Das Reale ist das, was der Symbolisierung absolut widersteht.“ (Lacan, 1973, S. 66 ff.). Dieses Unsymbolisierbare kann man sich als das vorstellen, was immer „durch die Maschen des Signifikanten-Netzwerks“ fällt. Sobald wir versuchen, das Reale in Worte zu fassen, entzieht es sich oder verwandelt sich – „es verliert seine Realität, sobald es symbolisiert wird“ (vgl. Lacan, 1953/1966, S. 239). Das Reale zeigt sich daher nur indirekt, oft in Form von Störphänomenen: als innere Widersprüche, als das Verstörende im Traum, als das plötzlich auftauchende, sinnlose Ereignis, das keine Erklärung im Symbolischen findet. In der Klinik entspricht das Reale beispielsweise dem unverstandenen Trauma, das sich in Wiederholungen aufdrängt, oder den psychotischen Phänomenen (Halluzinationen, Wahn), die – wie Lacan sagt – ein Wiedereinbruch des ausgeschlossenen Realen sind (siehe Abschnitt 6). Später definiert Lacan das Reale auch positiv als Verwicklung mit der Jouissance (dem exzessiven Genießen), insbesondere in Zusammenhang mit dem Körper und der Triebenergie. Für das Verständnis der Psychose spielt das Reale eine entscheidende Rolle: Das, was im Symbolischen keinen Platz findet (etwa ein fundamentales Bedeutungs-Moment wie der Name des Vaters, falls er verworfen wurde), „kehrt im Realen wieder“(Lacan, 1981, Seminar III, S. 312). Dieses Axiom Lacans bringt das Zusammenspiel der Register auf den Punkt: Das Reale manifestiert sich oft als Folge einer symbolischen Leerstelle.

Die drei Register sind analytisch unterscheidbar, aber konkret untrennbar verwoben. Lacan veranschaulicht ihr Verhältnis später durch topologische Knoten (Borromäischer Knoten), in dem Imaginäres, Symbolisches, Reales ringförmig verbunden sind – ein Bild dafür, dass ein Eingriff in eines stets Auswirkungen auf die anderen hat. In der Frühphase lässt sich aber bereits sagen: Das Imaginäre liefert die notwendigen Trugbilder für Ich-Konstitution und zwischenmenschliche Dynamik, das Symbolische gibt die Struktur (Sprache, Gesetz, Beziehungsgeflecht) vor, und das Reale bildet die Grenze jeder symbolischen Ordnung, das Außen, an dem unsere Bedeutungen und Bilder zuletzt scheitern. Diese drei Ordnungen werden nun in den folgenden Abschnitten an konkreten Theorie-Elementen Lacans näher erläutert – beginnend mit dem Spiegelstadium, das paradigmatisch im Imaginären verortet ist, jedoch auch symbolische und reale Aspekte streift.

4. Das Spiegelstadium und die Konstitution des Ich

Lacans Konzept des Spiegelstadiums (stade du miroir) gehört zu seinen bekanntesten Beiträgen und markiert seine erste große Innovation innerhalb der Psychoanalyse. Ursprünglich 1936 auf dem IPA-Kongress in Marienbad vorgestellt und 1949 in überarbeiteter Form in Zürich präsentiert (Lacan, 1936/1949/1966, S. 93 ff.), beschreibt das Spiegelstadium eine Phase der frühen Kindheit (ca. 6. bis 18. Monat), in der das Kind sich zum ersten Mal selbst im Spiegel erkennt. Lacan schreibt: „Man kann das Spiegelstadium als eine Identifikation verstehen im vollen Sinne, den die Psychoanalyse diesem Terminus gibt: als eine beim Subjekt durch die Aufnahme eines Bildes ausgelöste Verwandlung.“ (Lacan, 1966, S. 94). In diesem Moment vollzieht sich für das Kind eine entscheidende Wendung in der psychischen Entwicklung: Aus dem diffusen Erleben seines eigenen Körpers – den das Kind bis dahin nur bruchstückhaft (als „zerstückelten“ Körper) aus der Innenperspektive empfunden hat – formt sich plötzlich ein ganzheitliches Bild: das Spiegelbild zeigt ein komplettes, koordiniertes Wesen. Das Kind reagiert darauf mit großer Freude und Erregung: Es begrüßt sein Spiegelbild mit einer „jubilatorischen Geste“ der Verzückung (Lacan, 1966, S. 95–96). Diese Jubilation interpretiert Lacan als Ausdruck des Triumphs: Das Kind erlebt im Spiegel eine antizipatorische Meisterschaft – „in einer Fata Morgana nimmt es die Reifung seiner Macht vorweg“„es erlebt sich als mächtig und autonom“, obwohl es real noch unsicher und von der Fürsorge abhängig ist.

Doch diese Narzissistische Befriedigung hat eine Kehrseite. Das ganzheitliche Bild im Spiegel steht im Kontrast zur tatsächlichen sensorischen Erfahrung des Kindes, das seinen Körper als fragmentiert und unkoordiniert erlebt (unreife Motorik, fehlende Kontrolle). Diese Diskrepanz ruft eine Spannung hervor: Das Kind empfindet zunächst Rivalität gegenüber dem scheinbar überlegenen „anderen“ Kind im Spiegel (Lacan, 1966, S. 79–87). Die Einheit des Spiegelbilds bedrohtgewissermaßen das reale Ich-Gefühl des Kindes von Unvollständigkeit – Lacan spricht von einer „aggressiven Spannung zwischen Subjekt und Bild“. Um diese Spannung aufzulösen, identifiziert sich das Kind schließlich mit dem Spiegelbild (primäre Identifikation) – es nimmt das Bild in sich auf, um die ersehnte Ganzheit zu erlangen. Dieser Identifikationsakt formt das Ich (moi): Das Ego entsteht also als Spiegel-Ich, als internalisiertes Bild einer Ganzheit, die in Wahrheit imaginär ist. Lacan betont, dass das Ich von Beginn an eine „Verkennungsfunktion“ besitzt (Lacan, 1966, S. 98): Indem sich das Kind im Spiegel erkennt (me reconnaître), verkennt es sich zugleich selbst (me méconnaître). Es sieht nicht sich „selbst“, sondern ein äußeres Bild, das von seinem wahren Erleben verschieden ist. Diese Ur-Irrtum – das Ich als méconnaissance – hat weitreichende Folgen: Das Subjekt entfremdet sich von sich selbst, *„das Ich (je) schlägt sich in einer ursprünglichen Form als Imago nieder“ (Lacan, 1966, S. 49 ff.), die fortan als Ideal-Ich (Idéal du moi) fungiert.

Lacan fasst den doppelten Wert des Spiegelstadiums prägnant zusammen: „[Das Spiegelstadium ist] ein Phänomen, dem ich einen zweifachen Wert zuschreibe. Erstens hat es historischen Wert, denn es markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der psychischen Entwicklung des Kindes. Zweitens exemplifiziert es eine essentielle libidinöse Beziehung zum Körperbild.“ (Lacan, 1966, S. 49). („Historisch“ bezieht sich auf die zeitliche Entwicklungsstufe, „strukturell“ auf die libidinöse Dynamik, die dauerhaft wirksam bleibt.) In den 1950er Jahren verlagert Lacan den Akzent immer mehr auf den strukturellen Aspekt: Das Spiegelstadium ist nicht bloß ein Entwicklungsereignis, das irgendwann abgeschlossen ist, sondern ein Strukturprinzip der Subjektivität. „Der Spiegelzustand ist weit mehr als ein bloßes Entwicklungsphänomen… er illustriert das konfliktträchtige Wesen der dualen Beziehung“ (Lacan, 1966, S. 60–64). Das bedeutet: Auch im erwachsenen Subjekt bleibt das Ich grundlegend an imaginäre Bilder gebunden und in Konflikte mit dem eigenen Spiegelbild (bzw. dessen Derivaten) verstrickt. Jeder Narzissmus, jede Eifersucht, jedes Konkurrenzgefühl ist ein Echo dieser Urformung im Spiegel.

Das Spiegelstadium ist paradigmatisch für das Imaginäre Register: Es zeigt, wie das Ich als Bild entsteht und wie diese Bildidentität zugleich stabilisierend und täuschend ist. Allerdings wirkt im Spiegelstadium bereits das Symbolische mit. Lacan weist darauf hin, dass das „Spiegelspiel“ immer vom Erwachsenen begleitet wird – etwa die Mutter, die dem Kind zuspricht („Bist du das? Das bist ja du!“) und so das Gesehene symbolisch bestätigt (Lacan, 1987, Seminar I, Sitzungen 5–7). Dieser symbolische Andere (meist die Bezugsperson) ratifiziert das Bild, was für die Ich-Bildung wichtig ist. Zudem nennt Lacan das Spiegelbild eine „symbolische Matrix, in der sich das Ich in ursprünglicher Form niederschlägt“ (Lacan, 1966, S. 49–55) – d. h. das Bild fungiert als eine Art Ur-Signifikant des Ichs, als Matrix, an der sich das entstehende Subjekt orientiert. Wir sehen also, dass das Spiegelstadium bereits eine Verflechtung von Imaginärem und Symbolischem darstellt: Das Bild selbst ist imaginär, doch seine Wirkung (Identifikation) wird durch sprachliche Vermittlung und Anerkennung durch den Anderen gefestigt. Was das Reale betrifft, so kann man sagen: Das Reale taucht im Spiegelstadium in der Form der „Fragmentierungserfahrung“ auf – jenes ungeordnete körperliche Erleben, das keine Gestalt hat (Lacan, 1966). Es ist das, was außerhalb des Bildes bleibt (der Körper-in-Stücken, corps morcelé). Dieses Ungeformte übt Druck aus und erzeugt Aggressivität, wird aber durch die Übernahme des Bildes vorläufig gebändigt.

Insgesamt demonstriert das Konzept des Spiegelstadiums mehrere Kernideen Lacans: (a) Die Konstitution des Ichs ist kein natürlicher Reifungsprozess, sondern ein dramatischer Akt der Identifikation mit einem äußeren Bild – ein Akt, der von Verkennung geprägt ist. (b) Das menschliche Ich ist von seiner Geburt an auf den Anderen angewiesen: erst durch den Spiegel (Alter-Ego) und die Bestätigung durch die Bezugsperson entsteht Selbstbewusstsein (Lacan, 1987, Seminar I). (c) Der Narzissmus wird als strukturell unabdingbar, aber potenziell pathologisch verstanden – im Spiegelstadium liegen die Wurzeln späterer narzisstischer Phänomene. (d) Die Drei Register schimmern bereits durch: Imaginäre Ganzheit vs. reale Fragmentierung, vermittelt über symbolische Anerkennung.

Lacans frühe theoretische Leistung mit dem Spiegelstadium bereitete den Boden für seine späteren Konzepte. Insbesondere macht die Erkenntnis, dass das Ichletztlich ein imaginiertes Konstrukt ist, den Weg frei, um das Unbewusste anders zu denken: Nicht als „zweites Ich“ im Verborgenen, sondern als „Anderer“ innerhalb des Subjekts, der durch Sprache spricht (eine Idee, die wir im nächsten Abschnitt vertiefen). Außerdem knüpft Lacan an die Imago-Theorie Freuds (Narzissmus) an und überschreitet sie zugleich durch die Betonung des Signifikanten.

Nach der Darstellung des Spiegelstadiums – einer Schlüsselphase des Imaginären – richten wir nun den Blick auf Lacans berühmtesten Leitsatz: „Das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache.“ Damit bewegen wir uns auf die Ebene des Symbolischen als Struktur des Unbewussten.

5. Sprachliche Struktur des Unbewussten

Lacans Diktum „Das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache“(« l’inconscient est structuré comme un langage ») gehört zu den meistzitierten Sätzen der theoretischen Psychoanalyse (Lacan, 1966, S. 497). Er markiert Lacans „Rückkehr zu Freud“ in neuer Wendung: Freud hatte entdeckt, dass Symptome, Träume und Fehlleistungen einen Sinnhaben – sie folgen einer „Sprache“, die entschlüsselt werden kann. Lacan geht einen Schritt weiter und behauptet, dass das Unbewusste selbst strukturhaft organisiert ist, und zwar analog zur Struktur der Sprache. Wichtig ist, was damit nicht gemeint ist: Nicht, dass das Unbewusste eine eigene Sprache (im Sinne eines bestimmten Codes oder einer Grammatik) hat, sondern dass es in seiner Funktionsweise den Prinzipien der Sprache folgt(Lacan, 1966, S. 497 ff.).

Auf welchen Beobachtungen beruht diese Analogie? Zunächst greift Lacan Freuds Befund aus Die Traumdeutung (1900) auf, dass die Traumsymbole und -handlungen nicht chaotisch, sondern gesetzmäßig verwandelt sind: durch Verdichtung (mehrere Gedanken in einem Bild) und Verschiebung (Verlagerung von Bedeutung). Diese beiden Mechanismen – bereits in Abschnitt 2 erwähnt – betrachtet Lacan als linguistische Tropen: Verdichtung = Metapher, Verschiebung = Metonymie (Lacan, 1966; Jakobson, 1956). Freud hatte dies intuitiv gesehen, wenn er etwa den Witz als Wortspiel analysierte oder die Symptombildung mit poetischen Rätseln verglich. Lacan systematisiert dies: Das Unbewusste ist kein archaiches Bilderbuch, sondern strukturiert wie ein Signifikantenprozess.

Lacan untermauert die Sprachstruktur des Unbewussten durch ein weiteres bekanntes Postulat: „Das Unbewusste ist die Rede des Anderen.“ (Lacan, 1966, S. 312). Damit meint er: Die unbewussten Äußerungen eines Subjekts (z. B. ein Versprecher) sind so, als ob ein „Anderer“ durch das Subjekt spricht – als ob eine fremde Stimme in seine Rede hineinredet. Dieser Andere ist letztlich das Symbolische selbst: das Unbewusste operiert mit den Zeichen und Regeln des kulturell vorgegebenen Zeichensystems. Wenn also jemand einen Witz „unbewusst“ konstruiert (etwa durch zweideutige Worte), so ist das Subjekt davon überrascht – aber der Witz folgt den Gesetzen der Sprache, die der Sprecher zwar kennt, aber nicht aktiv kontrolliert.

Aus all dem folgt: Das Unbewusste funktioniert „wie eine Sprache“, weil es differentiell arbeitet (über Unterschiede von Signifikanten), weil es Strukturen kennt (z. B. grammatikartige Regeln in Träumen, Witzen) und weil es einen adressierten Diskurs darstellt (das Symptom ist eine Botschaft an den Anderen, wenn auch verschlüsselt). Lacan fasst dies pointiert so: „Die Dimension, die bisher im Verständnis des Freudismus ausgelassen wurde, ist, dass das Subjektive nicht auf Seiten dessen ist, der spricht. Es begegnet uns im Realen. […] Das Subjekt tritt im Realen in Erscheinung, sofern unterstellt wird, dass wir es mit einem Subjekt zu tun haben, das des Signifikanten fähig ist, des Spiels des Signifikanten.“ (Lacan, 1966/1967, Seminar XIV, zit. n. Sekundärlit.). Dieser etwas komplexe Satz besagt: Das eigentlich Subjektive – unser wahrer Antrieb – ist nicht dort, wo das bewusste Ich spricht, sondern im „Anderen Ort“ (Freud sagte: der andere Schauplatz). Dieses Unbewusste begegnet uns im Realen (als Symptomausbruch etwa), doch nur, wenn wir es als ein sprechendes Subjekt annehmen. Indem der Analytiker annimmt, hinter dem Symptom stecke eine „sprachfähige Intention“, wird das Unbewusste als Diskurs sichtbar.

Lacans These vom sprachstrukturierten Unbewussten hat große theoretische Konsequenzen: Sie rückt die Analyse der Sprache ins Zentrum der Behandlung. Die Aufgabe des Psychoanalytikers ist nicht mehr primär, verborgene Inhalte hervorzuholen, sondern die Signifikantenketten des Patienten zu entschlüsseln, die sich z. B. in seinen freien Assoziationen zeigen. Daher auch Lacans Betonung kurzer Sitzungen und pointierter Interpretationen: Er will das Wirkspiel der Signifikanten nicht durch zu viel bewusste Narrative stören. Zudem trennt er sich von der Ego-Psychologie (die das Ich stärken will) und konzentriert sich auf das Sprechen-Lassen des Unbewussten. Eine bekannte Formel Lacans lautet sinngemäß: „Das Unbewusste ist nicht tief vergraben, sondern auf der Oberfläche – es spricht ständig, man muss nur zuhören.“ (vgl. Lacan, 1991, Seminar II).

Im Zusammenhang mit der Sprachstruktur verdient noch ein spezifisches Konzept Erwähnung: die Leerstellen und Lücken im Unbewussten, das Nicht-Gesagte. Wenn das Unbewusste wie Sprache funktioniert, gibt es dort auch etwas, das nicht gesagt werden kann – ein „Unscheinbares“ (lituraterre), das jenseits der Artikulation bleibt (Lacan, spätes Werk). Hier deutet sich Lacans späteres Konzept der lalangue an. Doch dies führt über unseren Rahmen hinaus. Für unsere Analyse genügt festzuhalten: Lacan hat Freuds Unbewusstes in den Begriffen des Signifikanten neu formuliert und damit die Psychoanalyse eng mit der Semiotik und Linguistik verzahnt.

Bevor wir Lacans Konzepte von Begehren und Jouissance betrachten, müssen wir eine weitere grundlegende Unterscheidung erläutern, die Lacan in Freuds Konzepten vorgenommen hat: die Differenz zwischen Verdrängung und Verwerfung – denn sie veranschaulicht, wie das Ausgeschlossene im Symbolischen psychopathologische Folgen im Realen zeitigt.

6. Verdrängung, Verwerfung (Foreclosure) und Psychopathologie

Freud unterschied bereits zwischen Verdrängung (repressionrefoulement) – dem zentralen Abwehrmechanismus der Neurose – und anderen Mechanismen, etwa der Verwerfung bzw. „Ausstoßung“ (rejection, franz. später forclusion), die er vor allem in Bezug auf Psychosen vage erwähnte (Fall Schreber). Lacan greift diesen Unterschied auf und macht ihn zum Schlüssel seines Verständnisses von Psychopathologie: Neurosen (z. B. Hysterie, Zwangsneurose) beruhen auf Verdrängung, Psychosen (z. B. Schizophrenie, Paranoia) beruhen auf Verwerfung (Lacan, 1981, Seminar III).

Was bedeuten diese Begriffe genau? Verdrängung (refoulement) nach Freud meint, dass ein unerträglicher Vorstellungsinhalt vom Bewusstsein ins Unbewusste verbannt wird, aber dort weiterwirkt. Das Verdrängte kehrt dann in entstellter Form zurück – in Träumen, Symptomen, Fehlhandlungen. Es ist also nicht weg, sondern nur verdrängt. Verwerfung hingegen – ein Begriff, den Freud nur selten gebrauchte – impliziert eine viel radikalere Ablehnung: Hier wird etwas gar nicht erst ins Symbolische aufgenommen, sondern ausgeschlossen, „aus der Realität hinausgeworfen“. Lacan nimmt an, dass bei der Psychose ein fundamentales Signifikat – insbesondere derjenige Signifikant, der das Gesetz verkörpert (der Name des VatersNom du Père) – vom Subjekt verworfen wurde und somit im Symbolischen des Subjekts fehlt (Lacan, 1981, Seminar III; vgl. auch Lacan, 1966). Diese strukturelle Lücke hat fatale Konsequenzen: „Forclusion du Nom-du-Père“(Lacan, 1966, S. 814 ff.) sei die strukturelle Bedingung der Psychose.

Der Name des Vaters steht bei Lacan symbolisch für das gesetzgebende Prinzip (das Inzestverbot, die Vermittlung zur Mutter, die Einfügung in die Ordnung des Symbolischen). Ist dieser Signifikant nicht verinnerlicht (d. h. verfehlt die Ödipus-Einfügung), fehlt dem Subjekt ein entscheidender „Knotenpunkt“ in der Signifikantenkette – ein point de capiton, der Bedeutungen festlegt. Die Folge: Das Symbolische des Subjekts bleibt lückenhaft und instabil. Nach Lacan äußert sich das so, dass das Verworfene im Realen wiederkehrt„ce qui est forclos dans le symbolique fait retour dans le réel“(Lacan, 1981, S. 312). Konkret: Was im Symbolischen keinen Platz bekam – z. B. die Figur des väterlichen Gesetzes – taucht im Realen in monströser Form auf. Bei Freuds berühmtem Psychotiker Schreber etwa manifestierte sich die verweigerte Vaterinstanz in der halluzinatorischen Gottesvorstellung: Schreber „hörte“ Gottes Stimme und fühlte sich von göttlichen Strahlen verfolgt (eine Reinszenierung des fehlenden väterlichen Signifikanten auf der realen Ebene der Sinneswahrnehmung). Halluzinationen und Wahn sind nach Lacan also keine bloßen „Defekte“, sondern direkte Retouren des Ausgeschlossenen. Anders als beim Neurotiker, wo das Verdrängte verschlüsselt und symbolisch (z. B. im Symptom) wiederkehrt, erscheint das Verworrene beim Psychotiker unmittelbar im Realen – daher oft in bizarr-konkreter Weise (Stimmenhören, körperliche Beeinflussungsgefühle etc.).

In Lacans Seminar III (Les Psychoses, 1955–56) arbeitet er diese Theorie detailliert aus. Er analysiert etwa, wie bei Schreber bestimmte Signifikanten (etwa sein deutscher Satz „Die Seele ist weiblich“) als Versuch fungieren, das Auseinanderfallen der Bedeutung zu reparieren – sogenannter „Hilfs-Signifikant“im Wahn. Doch zentral bleibt: Der Psychotiker hat einen Bruch im symbolischen Gefüge. In Freuds Begriffen: Neurotische Abwehr (Verdrängung) lässt das Subjekt innerhalb der geteilten symbolischen Realität (es weiß z. B., dass seine Symptome irrational sind, hat Realitätsprüfung intakt), während psychotische Abwehr (Verwerfung) das Subjekt aus der geteilten symbolischen Realität teilweise hinauskatapultiert – es konstruiert sich eine neue Realität (Wahnsystem), um die Lücke zu füllen (Lacan, 1981, S. 39–47).

Klinisch bedeutet das: Beim Neurotiker kann man das Verdrängte durch Deutung ins Symbolische reintegrieren (Erinnerung, Einsicht – das klassische Kurzziel der Neuroseanalyse). Beim Psychotiker fehlt aber etwas im Symbolischen – man kann es nicht einfach „hineindeuten“, ohne dass das ganze Gebilde zerfällt oder sich der Psychotiker überwältigt fühlt. Daher braucht es andere therapeutische Strategien (Stützen, neue symbolische Fixpunkte schaffen, sog. „Konstruktionen“). Lacan selbst war hier zurückhaltend optimistisch: Er meinte, durch geeignete Führung des psychotischen Subjekts im Transferenzverhältnis ließen sich einige der Einbrüche abmildern, indem man sie in symbolische Bahnen lenkt (Lacan, 1981, S. 91–103). Beispielsweise könnte ein Analytiker im Umgang mit einem Paranoiker eine bestimmte Wahnidee nicht frontal bekämpfen, sondern ihr einen Platz im Gespräch geben, sodass der Patient sie nicht agieren muss.

Darüber hinaus ist die Unterscheidung Verdrängung/Verwerfung theoretisch fruchtbar, um auch andere Phänomene zu denken. Lacan sprach z. B. von „allgemeiner Forclusion“ (forclusion généralisée) im späten Werk, um auszuloten, dass für jedes Subjekt es immer ein Real-Unsymbolisierbares gibt. Auch begriff er die Perversion als dritten Grundtypus: Hier sei das Gesetz zwar erkannt, aber bewusst verdreht/überschritten (Verneinung des Gesetzes, Freud: Verleugnung). Das würde hier zu weit führen, doch sei erwähnt, dass Lacan die strukturalistische Klassifikation der Pathologien (Neurose – Perversion – Psychose) am Gerüst Verdrängung vs. Verwerfung vs. Verleugnung aufbaute.

Für unser Thema genügt festzustellen: Lacan liefert mit der Unterscheidung von Verdrängung und Verwerfung ein prägnantes Beispiel, wie Abwehrmechanismen sprachlich verstanden werden können. Verdrängung ist im Grunde ein „Wegrutschen im Signifikanten“ (eine Bedeutung wird durch einen anderen Signifikanten vertreten – Symbolisierung an Ersatzstellen, daher Symptome, die gelesen werden können). Verwerfung hingegen ist das „Scheitern der Symbolisierung“ – der entsprechende Signifikant fehlt, also kann das Ausgeschlossene nur im Realen auftauchen, wo es aber keinen Sinn ergibt (Halluzination als reales Ereignis, das keiner teilt). Diese Sicht erweist sich als äußerst einflussreich und fruchtbar für das Verständnis schwerer Störungen und hat auch außerhalb der Psychoanalyse (etwa in Literaturwissenschaft und Philosophie) Resonanz gefunden, wenn z. B. Realitätsbrüche in Texten oder gesellschaftlichen Diskursen analysiert werden.

Nach diesen strukturellen Ausführungen zu Sprache und Psychose wenden wir uns nun den letzten großen Konzepten unserer Analyse zu: denjenigen des Begehrens, der Jouissance und dem objet petit a. Hier verlagert sich der Fokus von der Sprache zur Triebökonomie und Ethik der psychoanalytischen Subjektivität, insbesondere wie Lacan Freuds Begriff des Begehrens umformuliert hat.

7. Begehren, Jouissance und das Objekt klein a (objet petit a)

Im Zentrum der Lacan’schen Psychoanalyse steht der Begriff des Begehrens (désir). Während Freud primär von Triebenund Bedürfnissen sprach, betont Lacan die Dimension des Begehrens als unabschließbare, durch Mangel getriebene Suche nach etwas Unerreichbarem. „Das Begehren des Menschen ist das Begehren des Anderen“, schreibt Lacan – d. h. menschliches Begehren entsteht im Feld des Anderen, des Symbolischen, als Wunsch nach Anerkennung und als Antwort auf den angenommenen Wunsch des Anderen. Zugrunde liegt die Mangelstruktur: Der Mensch erfährt einen grundlegenden Verlust oder Mangel (etwa die Trennung vom primordialen Einssein mit der Mutter), welcher das Begehren antreibt. Dieser strukturelle Mangel wird durch ein imaginäres Objekt verkörpert, das Lacan mit objet petit a(Objekt klein a) bezeichnet (Lacan, 1962–63, Seminar X).

Das objet petit a – Lacans vielleicht originellste Begriffsschöpfung – steht für das unerreichbare Objekt des Begehrens, den Überschuss, der ständig verfehlt wird und doch das Begehren nährt. Es handelt sich weder um ein konkretes Ding noch um ein symbolisches Signifikat, sondern um ein paradoxes Objekt: „Il est un résidu, un reste du processus de significantisation…“ – „Es ist ein Residuum, ein Rest des Signifikationsprozesses“ (Lacan, 1962–63). Das a (steht für autre, anderen kleinen Anderen oder für objet absent, fehlendes Objekt) entstammt ursprünglich Freuds Konzept der Teilobjekte und Winnicotts Übergangsobjekt, wird aber von Lacan verallgemeinert. Man kann sagen: In dem Moment, da das Kind in die Sprache eintritt und die Forderungen des Anderen auf sich nimmt, verliert es etwas an unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung – dieses Verlorene (z. B. die Brust als erste Befriedigungsquelle) bleibt als objet a im Unbewussten wirksam. Es ist der „Objektgrund des Begehrens“ (Lacan, 1966, S. 816 ff.). Wichtig: Das a ist kein Signifikant und entzieht sich der symbolischen Erfassung, daher kann es nur indirekt auftreten, z. B. als Fantasieobjekt, als Blick oder Stimme (zwei vom Subjekt abgetrennte Aspekte, die Lacan als typische Formen des a analysiert).

Wie hängen nun Begehren und Jouissance damit zusammen? Begehren bei Lacan ist nicht einfach Wunsch oder konkretes Verlangen, sondern der unstillbare Überschuss jenseits des Bedürfnisses (besoin). Bedürfnis kann befriedigt werden (z. B. Hunger durch Nahrung), Verlangen/Forderung (demande) richtet sich an den Anderen (z. B. nach Liebe, nach Aufmerksamkeit), aber Begehren ist das, was übrig bleibt, wenn Bedürfnisse gestellt und vielleicht befriedigt sind: ein unerfüllbarer Mehrwunsch, gewissermaßen der Kern der menschlichen Triebspannung. Dieses Begehren ist immer Begehren nach dem Anderen (entweder nach dem, was der Andere hat oder was der Andere begehrt). In Seminar VII (Die Ethik der Psychoanalyse, 1959–60) formuliert Lacan dann seine berühmte ethische Maxime: „Du sollst deinem Begehren treu bleiben.“ Oder in seinen Worten: „Aus analytischer Sicht ist das Einzige, dessen man schuldig sein kann, dass man in Bezug auf sein Begehren nachgegeben hat.“ (Lacan, 1996, S. 152–159). Dieser Satz bringt Lacans ethischen Imperativ auf den Punkt: Nicht Konvention oder Anpassung ist das Ziel, sondern die Wahrung des eigenen Begehrens (im Sinne einer Authentizität gegenüber dem unbewussten Wunschkern). Das einzige moralische Vergehen in der Psychoanalyse wäre demnach, sein Begehren zu verraten oder zu verdrängen.

Doch das Begehren strebt letztlich nach etwas Unfassbarem – eben dem objet a. Und hier kommt Jouissance ins Spiel, ein schwierig zu übersetzender Begriff, den man mit GenussGenießen oder Lustgewinn übersetzen kann, der aber mehr bedeutet als bloßes Vergnügen (plaisir). Jouissance bezeichnet bei Lacan eine exzessive, übers Maß schießende Lust, die oft Leid mit sich bringt – eine paradoxe Lust-am-Schmerz oder Lust-jenseits-des-Lustprinzips. In Seminar VII diskutiert Lacan den Begriff der Jouissance im Zusammenhang mit dem höchsten Gut und dem Begehren des Bösen. Er knüpft an Freuds Jenseits des Lustprinzips und an das Konzept des Todestriebs an und fragt, wie es kommt, dass Subjekte Lustbefriedigung überschreiten und ins Unlustvolle, Exzessive gleiten (Masochismus, sich wiederholendes Leiden). Seine Antwort ist: Das jouissance-Streben hängt mit dem Verbot und dem Gesetz zusammen. Das Gesetz (Symbolische)verbietet die volle Jouissance (z. B. Inzestverbot verbietet die vollständige Verschmelzung mit der Mutter), und dieses Verbot erzeugt überhaupt erst das Begehren. Zugleich schützt das Lustprinzip (das uns in Freud’scher Sicht vom Übermaß abhält) vor der tödlichen Jouissance. Ein zentraler Satz (später hinzugefügt in Subversion du sujet, 1960) lautet: „Es ist nicht das Gesetz, das dem Subjekt den Zugang zur Jouissance verwehrt, sondern das Lustprinzip.“(Lacan, 1966, S. 814–820). Denn das Lustprinzip fungiert als innere Grenze, es bricht ab, bevor zu viel des „Guten“ wird. „Kastration bedeutet, dass die Jouissance verweigert werden muss, damit sie auf der umgekehrten Leiter des Begehrensgesetzes erreicht werden kann.“ (Lacan, 1966, S. 168–174). Damit meint Lacan: Nur indem die unmittelbare jouissance versagt wird (Kastration hier als Symbol für das Anerkennen des Mangels), kann das Subjekt eine vermittelte Jouissance erlangen – sozusagen in sublimierter, sprachlich vermittelter Form als Begehrensbefriedigung.

In Seminar VII illustriert Lacan diese Dynamik an der Tragödie Antigone: Antigone überschreitet die Grenze (Begräbnis des Bruders entgegen dem Gesetz) und verkörpert eine radikale Treue zum Begehren, die sie ins Reine mit dem Tod (dem Realen) bringt. Sie erreicht eine Art tragische Jouissance in der Aufopferung. Lacans Analyse zeigt: Jouissance liegt jenseits der gewöhnlichen ethischen Kategorien von Gut und Böse; sie hat eine Nähe zum Bösen (transgressives Genießen), doch die Ethik der Psychoanalyse zielt darauf, das Subjekt zu seinem wahren Begehren zu führen, ohne sich in zerstörerischer Jouissance zu verlieren.

Was bedeutet das objekt a in diesem Zusammenhang? Es fungiert als Vermittler der Jouissance. Das objet a ist gewissermaßen das Köder-Objekt, an dem die jouissance hängt. In der Neurose jagt das Subjekt immer neuen objets ahinterher (z. B. wechselnde Liebesobjekte, Erfolge, Fetische etc.), ohne je endgültige Befriedigung zu finden – weil das aletztlich leer/unauffindbar ist. In der Perversion versucht das Subjekt, selbst das objet a für den Anderen zu sein (z. B. der Masochist als Objekt der jouissance des Anderen). In der Psychose taucht aunvermittelt auf (Halluzination als Stimme = objet a in der Realform). Das objet a ist also das Träger der Jouissance und zugleich das Produkt der Kastration (weil es nur als Verlustobjekt konstituiert wird).

Zusammenfassend: Begehren ist bei Lacan unaufhebbar, an den Anderen gebunden und hält das Subjekt offen. Jouissance ist die tendenziell fatale Erfüllung dieses Begehrens, die jedoch durch Gesetz/Phallus strukturiert und eingezäumt wird. Objekt klein a ist die Ursache des Begehrens – der imaginäre Gegenstand, der anzeigt, wo jouissanceverspürt wurde und verloren ging, und den das Begehren wiederzuerlangen sucht. Im klinischen Kontext erweist sich diese Theorie als äußerst nützlich, um etwa die endlosen Wiederholungen und Frustrationen in der Neurose zu verstehen (das Subjekt inszeniert sein Begehren, bekommt aber nie was es will, weil es eigentlich das Unmögliche will: die vollständige Jouissance) und um die Dynamik der Übertragung zu begreifen (der Analytiker wird zum Ort, an dem das objet a vermutet wird – z. B. „Er hat das, was mir fehlt“ – und damit werden alte Begehrensmuster reaktiviert).

In der Tat bezeichnet Lacan den Analytiker selbst als „stützenden Stummel des objet a“ in der Kur – der Analytiker nimmt die Position dieses fehlenden Objekts ein, um das Begehren des Patienten in Gang zu halten und schließlich dem Patienten zu ermöglichen, eine neue Einstellung zu seinem objet a zu gewinnen (z. B. es als unvermeidlichen Verlust zu akzeptieren statt neurotisch daran vorbeizuleben).

8. Rezeption, Bedeutung und Ausblick

Jacques Lacans Einfluss erstreckt sich weit über die Grenzen der klinischen Psychoanalyse hinaus. Schon zu Lebzeiten zog er Philosophen, Linguisten, Literaturwissenschaftler und Künstler in seinen Bann. In Frankreich wurde Lacan – neben Foucault, Barthes, Derrida – zu einer Schlüsselfigur des Poststrukturalismus und der „French Theory“. Seine Lehre inspirierte und polarisierte zugleich: Er wurde gefeiert als brillanter Erneuerer der Psychoanalyse und ebenso kritisiert als obskurer Theoretiker. Elisabeth Roudinesco, Lacans Biographin, beschreibt ihn treffend als „den umstrittensten Psychoanalytiker seit Freud“ (Roudinesco, 1997, S. 1–4) und dokumentiert sowohl die intellektuellen Debatten um sein Werk als auch die institutionellen Konflikte, die zu seiner Exkommunikation aus der IPA führten.

In der Psychoanalyse selbst führte Lacan zur Entstehung einer eigenständigen Schule: die Lacan’sche Psychoanalyseoder Lacanianer, die vor allem in Frankreich, Belgien, Argentinien und später den USA und anderen Ländern aktive Gemeinschaften bilden (Safouan, 1976/2004). Namen wie Jacques-Alain Miller (Lacans Schwiegersohn und Editor seiner Seminare), Moustafa Safouan, Darian Leader und Éric Laurent stehen für Schüler und Nachfolger, die Lacans Ideen weitertragen. Dabei gab und gibt es Spaltungen und Kontroversen – z. B. um die Passe-Prozedur (Lacans Versuch, die Analystenausbildung neu zu regeln), oder um die Auslegung zentraler Begriffe. Dennoch bleibt Lacan in der klinischen Psychoanalyse lebendig, gerade wenn es um Fälle geht, die mit klassischer Ich-Psychologie schwer zu fassen sind (Psychosen, Borderline-Störungen, psychosomatische Phänomene). Seine Betonung des Signifikanten in der Kur hat die Technik der Psychoanalyse beeinflusst: Viele Lacanianer arbeiten mit freieren Settings, legen Wert auf das Hören von Mehrdeutigkeiten und nutzen manchmal kurze Sitzungen, um den point de capiton zu treffen.

In der Philosophie hat Lacan Spuren hinterlassen, vor allem in der französischen. Denker wie Louis Althusserintegrierten Lacans Subjektbegriff in ihre Theorien (Althusser’s Ideologietheorie mit dem Anrufungssubjekt trägt lacanianische Züge). Gilles Deleuze und Félix Guattari definierten sich zwar teils gegen Lacan (sie kritisierten seinen Ödipus-Fokus aus anti-autoritären Motiven), dennoch setzten sie sich intensiv mit ihm auseinander. Maurice Merleau-Ponty reagierte skeptisch auf Lacans „Lingualisierung“ der Erfahrung, und Paul Ricœur debattierte mit Lacan über die Hermeneutik vs. Strukturalismus in Freuds Werk. In den späten 20. Jahrhundert ist es vor allem Slavoj Žižek, der Lacan in die philosophische Diskussion (und Populärkultur) weit hinaustrug. Žižek verbindet Lacansche Psychoanalyse mit Hegels Dialektik und marxistischer Ideologiekritik – z. B. in The Sublime Object of Ideology (1989) oder Looking Awry(1991) zeigt er, wie Lacans Begriffe genutzt werden können, um Filme, Politik und Massenphänomene zu analysieren (Žižek, 1989). Žižeks pointierte Verwendung des objet petit a (als „unmöglicher Blick“ in der Ideologie etwa) und des Begriffs Jouissance (um z. B. nationalistische „Genüsse“ zu erklären) hat Lacan im angelsächsischen Raum bekannter gemacht. Ein weiterer Philosoph, Alain Badiou, schätzte Lacans mathematische Topologien und knüpfte an dessen Subjektbegriff an. Julia Kristeva, die im Umkreis Lacans ausgebildet wurde, entwickelte aus Lacanschen Ansätzen (Semiotik, Chora, abjektives Objekt) eigene Theorien der Sprache und des Poetischen – sie verbindet Freud-Lacan mit Literaturtheorie und Feminismus (Kristeva, 1974/1978/1984).

In der Literatur- und Kunsttheorie ist Lacans Einfluss enorm. Bereits in den 1970ern griffen Literaturwissenschaftler wie Shoshana Felman oder Jean-Pierre Dauphin Lacansche Konzepte auf, um Texte zu lesen (etwa das Spiegelstadium für Erzähler-Ich-Analysen). Tzvetan Todorov und Roland Barthes bezogen Lacan ein in ihre strukturalen Narrativik-Modelle. Filmtheoretiker wie Christian Metz nutzten Lacans Spiegel-Theorie, um die Identifikation des Zuschauers mit dem filmischen Bild zu erklären. Laura Mulvey’s berühmter Aufsatz über den „male gaze“ (1975) ist von Lacans le regard (dem Blick als objet a) inspiriert. So floss Lacan in die feministische Theorie ein: ambivalent, denn einerseits bietet er Analysewerkzeug für patriarchale Strukturen (der Phallus als Signifikant – viele Feministinnen sahen darin eine Beschreibung der phallozentrischen Kultur), andererseits wurde er kritisiert, er schreibe den Phallus und das Fehlen der Frau darin nur fest. Luce Irigaray etwa warf Lacan vor, das Begehren der Frau nur als Negation des männlichen zu definieren (das berühmte „Die Frau existiert nicht“ aus Lacans Seminar XX). Dennoch nutzte Irigaray Lacans Ansatz, um eine eigene weibliche Symbolik zu fordern. Julia Kristeva wiederum nahm Lacans Unterscheidung zwischen Symbolischem und Imaginärem, um ihr Konzept des Semiotischen (vor-symbolische, rhythmische Aspekte der Sprache, nahe der mütterlichen Chora) zu entwickeln – eine durchaus Lacan-kompatible Erweiterung, die weibliche Kreativität betont.

Außerhalb der Geisteswissenschaften haben Lacans Ideen auch Einfluss auf die Kulturkritik und Sozialtheorie. Begriffe wie „Name des Vaters“„Objekt a“ oder „Genießen“ tauchen in Analysen von Rassismus, Konsumgesellschaft und digitalen Medien auf. Etwa wird gefragt: Welche jouissance steckt hinter Hassreden? Welches unmögliche Objekt jagt die Konsumkultur? Hier sind es häufig Schüler von Žižek oder Lacan’sche Psychoanalytiker, die in interdisziplinären Feldern arbeiten.

In der deutschsprachigen Diskussion brauchte Lacan länger, um rezipiert zu werden. Erst in den 1980ern erschienen Übersetzungen (die Schriften I–II, übers. v. Norbert Haas, 1975/1980; Seminare teils in den 90ern und 2000ern). Lange galten seine Texte als schwierig und „französische Mode“. Doch allmählich fanden Lacan’sche Konzepte Eingang – in die Literaturwissenschaft (z. B. Peter Widmer), in die Filmtheorie und auch in die philosophische Ästhetik. Heute gibt es im deutschsprachigen Raum Lacan-Gesellschaften, Seminare und Publikationen, die sein Werk aufarbeiten (Nasio, 1998).

Abschließend sei betont: Lacans Rezeption ist keineswegs unkritisch. Manche werfen ihm Obskurantismus vor – seine Vorliebe für Wortspiele und mathematische Figuren (Graph des Begehrens, topologische Knoten) sei unnötig kompliziert. Andere kritisieren eine mangelnde empirische Fundierung. Feministische Kritiken hatten wir erwähnt: Lacans Theorie sei letztlich phallozentrisch, da der Phallus als Signifikant des Begehrens privilegiert bleibt. Auch aus neurobiologischer Sicht ließe sich anmerken, dass Lacan – wie Freud – ein vor-neurowissenschaftliches Menschenbild hat, das heute durch Hirnforschung ergänzt werden muss. Dennoch bestätigen neuere Strömungen (etwa die Sprachanalyse der Psychosenoder Traumaforschung), dass viele von Lacans Einsichten nach wie vor heuristisch wertvoll sind.

Bruce Fink, ein amerikanischer Lacan-Übersetzer und Analytiker, bemerkt, Lacan biete weniger konkrete Techniken als vielmehr eine Haltung des Zuhörens und Verstehens (Fink, 1995). Diese Haltung – das Suchen nach dem im Sprechen strukturierten Unbewussten, die Geduld gegenüber dem irrational Scheinenden, die Betonung des Begehrens statt der Anpassung – ist Lacans Vermächtnis an die Psychoanalyse.

9. Abschließende Zusammenstellung

Jacques Lacans Theoriegebäude erweist sich in seiner Gesamtheit als ambitionierter Versuch, die Psychoanalyse auf eine neue, strukturalistische Grundlage zu stellen. Seine Hauptthesen – dass das Unbewusste wie eine Sprache strukturiert ist, dass das Subjekt ein Effekt des Signifikanten und grundlegend gespalten ist, dass die menschliche Psyche durch die Register Imaginär, Symbolisch, Real geordnet wird und dass Begehren und Jouissance die zentralen Triebkräfte sind – haben die psychoanalytische Theorielandschaft nachhaltig verändert. Lacan führte Freuds Erbe fort, indem er es mit der Linguistik, der Anthropologie und der Hegelschen Dialektik verknüpfte, und schuf so ein komplexes, aber kohärentes Denkgebäude.

Die Relevanz Lacans heute liegt zum einen in den methodischen Implikationen: Psychoanalytiker lernen von ihm, die feinen sprachlichen Regungen ihrer Patienten wahrzunehmen und die Analyse als gemeinsame Entzifferungsarbeit zu begreifen, weniger als Nachnährungsprozess durch ein starkes Ich. Zum anderen wirken Lacans Konzepte als theoretische Werkzeuge interdisziplinär weiter – in Kulturwissenschaften, Philosophie und Gesellschaftskritik. Begriffe wie „Spiegelstadium“ (für Identitätsbildung), „Name des Vaters“ (für Gesetz und Autorität), „objet petit a“ (für unerreichbares Begehren) oder „jouissance“ (für lustvolles Überschreiten) haben den Weg in den allgemeinen Theoriediskurs gefunden und erweisen dort ihre Erklärungskraft.

Natürlich muss Lacans Theorie auch kritisch gelesen und zeitgemäß weiterentwickelt werden. Einige Dogmen (z. B. „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“) sind in ständigem Diskurs. Doch gerade diese Provokationen zwingen zu neuem Nachdenken über alte Fragen. Lacan hat die Psychoanalyse aus einer gewissen Behaglichkeit gerissen und ihr eine intellektuelle Schärfe verliehen, die sie im Wettbewerb der Ideen bestehen ließ. Indem er Freud mit Saussure und Lévi-Strauss, mit Kant und Hegel ins Gespräch brachte, schuf er einen Diskurs, der reich an Querverbindungen ist.

In einer Zeit, in der neurobiologische und verhaltenstherapeutische Modelle dominieren, bietet Lacans Ansatz eine Gegenperspektive: Er erinnert daran, dass das menschliche Leid und Handeln nicht allein in Gehirnmechanismen oder Verhaltenstraining aufgeht, sondern dass die Dimension des Sinns, der Sprache und des unbewussten Begehrensunverzichtbar ist, will man dem Subjekt gerecht werden. Seine Theorie ist anspruchsvoll und nicht ohne innere Widersprüche – aber gerade dadurch lebendig. Sie lädt ein zum Weiter-Denken, Übersetzen und Korrigieren.

Am Ende lässt sich sagen: Lacans „tiefgreifende Analyse“ der Psyche hat selbst ein tiefgreifendes Theoriegebäude hervorgebracht, dessen Tragfähigkeit sich in den nunmehr vielen Jahrzehnten seiner Wirkung erwiesen hat. Wie jedes große Gebäude bedarf es gelegentlicher Renovierung und neuer Interpretationen der Baupläne. Doch die Fundamente – die Rückkehr zu Freud über die Sprache, die Triadik von Imaginär-Symbolisch-Real, die Idee des begehrenden Subjekts im Netzwerk der Anderen – stehen weiterhin fest und inspirieren diejenigen, die bereit sind, sich auf Lacans schwierigen, aber lohnenden Text einzulassen. Seine Relevanz für die moderne Psychoanalyse und darüber hinaus liegt in dieser unermüdlichen Aufforderung: das Sprechen des Unbewussten ernst zu nehmen und das Begehren in seinem Kern freizulegen – eine Aufgabe, die auch in Zukunft nichts von ihrer Bedeutung verlieren wird.

Literaturverzeichnis

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Saussure, F. de (1916). Cours de linguistique générale. Payot.
Žižek, S. (1989). The Sublime Object of Ideology. Verso.

(Weitere Hinweise auf Freud, Lévi-Strauss, Winnicott, etc. in den jeweiligen Standardausgaben.)